Werner - oder das können auch Studenten

Familienplanung

Ein Werner soll ins Haus. Nach dieser grundlegenden Entscheidung stehen drei Optionen zur Wahl:

  1. Die Adoption: Sicherlich kennst du jemanden, dessen Leben bereits von Werner versüßt wird. Gern wird er/sie dir eine Tasse kleinen Werner als Grundstock überlassen.
  2. Reinrassig vom Züchter: Naturgemäß hält sich jeder gute Bäcker seinen eigenen Werner. Die selbstbackenden und selbstrührenden Bäcker sind zwar auf dem Rückzug, aber vielleicht kennst du ja jemanden. Sei lieb und nett (nicht nur zu ihm!), mache ihm schöne Augen, versprich auch dann noch bei ihm einzukaufen, wenn Werner dein Leben bereichert, und mit etwas Glück überlässt er dir eine Tasse voll edelstem Sauerteig.(dem Geheimnis wirklich guter Brote, wenn dir schon sein Brot nicht schmeckt, dann lass die Finger davon, ebenso von Geschäften mit Ladenbackofen, da kommt das Brot meist schon fix und fertig vom Großhändler und ist nur noch fertig zu backen...) Im Allgemeinen ist dort, wo das Brot am besten schmeckt, auch der Sauerteig nicht zu verachten.
  3. Wir machen es selbst: Du scheust keine Mühe. Du sagst dir: Selbst ist der Mann / die Frau. Du benötigst:

Grundlegendes:

Achtung! Werner ist ein Sensibelchen. Er reagiert äußerst allergisch auf jegwedes Metall. Um Komplikationen zu vermeiden bitte darauf achten, dass auch keine Metalllöffel zum Umrühren benutzt werden.

Alle Zutaten in der Schüssel kräftig verrühren und einen Tag bei Zimmertemperatur stehen lassen. Die überall vorhandenen Milch- und Essigsäurebakterien erledigen den Rest.

Tag 2

Heute freut sich Werner über 100 ml warmes Wasser und 100 g Roggenmehl. Des weiteren braucht er körperliche Zuwendung. Kräftig Umrühren. Und weiterhin bei Zimmertemperatur schwitzen lassen.

Tag 3

Und wieder 100 ml warmes Wasser, 100 g Roggenmehl und kräftiges Umrrühren. Bis zum nächsten Morgen noch bei Zimmertemperatur stehen lassen. Danach ist Werner ziemlich sauer, und bereit für sein Element - den Kühlschrank.

PS: Ohne Kühlschrank erinnert das Weitere doch sehr an das Märchen vom süßen Brei. Und seine volle Kraft soll unser neuer Hausgenosse ja erst in Form eines Brotteiges entfalten. Die Kühlung bringt die Gärung nicht völlig zum Erliegen, verhindert aber ein ungebremstes Wachstum.

Hier im Saint-Tropez des Eskimos erhält er nun jeden Tag sein Futter - zu gleichen Volumenteilen Mehl und Wasser, und wenn ihr ihn verwöhnen wollt: Milch statt Wasser. Vier Tage Fasten hat er bei mir schon problemlos überstanden, ebenso einige Diätversuche (wenn man mal nicht zum Backen kommt, und Wochenende bedeutet meist ebenso hungern). Gebacken wird nun schon traditionell jeden Dienstag. Aber auch das Einfrieren soll Werner ohne große Probleme überstehen, ebenso das Trocknen.

Nicht ganz unwichtig ist auch der richtige Umgang mit eurem neuen Familienmitglied. Nicht nur mit Pflanzen muss man ab und an einmal reden, auch euer Sauerteig ist dankbar für netten Zuspruch. So geht Liebe dann wirklich durch den Magen.

Variationen

Die Gärung bzw. Säuerung lässt sich mit Buttermilch oder Kanne Brot-Trunk (buh! Werbung; gibt es u.a. bei Kaufland) positiv beeinflussen. Besonders in der warmen Jahreszeit sind die ersten drei Tage im Leben unseres Werners am kritischsten. Da sein Immunsystem noch nicht auf der Höhe ist, sollte jeden Tag sorgfältig auf Schimmel und andere Mitbewohner geachtet werden. Gegebenenfalls hilft ein neuer Ansatz weiter. Der fertige Sauerteig ist (bei gelegentlichem Umrühren dagegen recht widerstandsfähig - vgl. Saure Gurken und Sauerkraut, etwas anderes als Fermentation machen wir hier auch nicht)

Erste Gehversuche

Die Basis

Folgendes Rezept ist nur ein Grund-Brot, ohne viel Geschmack und ohne Leben, es soll nur als Anreiz und zur Motivation der eigenen Kreativität dienen:

Man nehme:

350 g Sauerteig (Werner)
175 g Weizen(vollkorn)mehl
150 g Roggen(vollkorn)mehl
1/2 Päckchen Trockenhefe (Studenten sind faul :-)) 1/2 Teelöffel Salz
150 ml Wasser

Man kann beliebige Vielfache der obigen Mengen verwenden. (insbesondere im Brotbackautomaten gelingen größere Mengen besser) Außerdem sollte man noch einige Dinge wie Leinsamen, Olivenöl, jegliche Kerne und Körner, Kräuter usw. nicht vergessen. Dabei bitte bedenken: feste Stoffe mit gleichem Volumenanteil Flüssigkeit ausgleichen, sowie für Flüssiges einfach den Wasseranteil entsprechend verringern.
Im nächsten Schritt hilft ein Brotbackautomat (;-) für Studenten...) oder jedes bessere Backbuch...
Im Allgemeinen wird empfohlen, den fertigen Teig 12-20 Stunden bei Zimmertemperatur (abgedeckt) ruhen zu lassen, um eine gute Säuerung und Teigkonsistenz zu erreichen. Der Student befüllt dafür einfach am Abend seinen Automaten und lässt um 5:00 Uhr das Maschinchen mit dem Werk beginnen, oder von frühmorgens bis zum Abend - dabei jeweils zu Beginn das einfache Teigprogramm durchlaufen lassen und neu starten). Eines bleibt festzustellen, DEN Weg gibt es nicht. Brot backen heißt experimentieren, vor allem ob der unterschiedlichen Sauerteige, der unterschiedlichen Öfen und der schwankenden Mehlqualität.

Im Grunde soll funktioniert der Sauerteig auch ohne Hefe, bei mir gelingt es so besser, und selbst hefelos geht der (Vollkorn-!)Teig zu sehr auf. Aber ohne Hefe und nach 25 Stunden Ruhe ergibt sich dann tatsächlich eine hervorragende Konsistenz. Übung mach doch den Meister...
Im Sommer empfiehlt es sich, die 25-stündige Ruhezeit im Kühlschrank zu vollziehen. Noch besser wäre natürlich ein gut temperierter Keller bzw. ein Weinschrank.

Italienische Momente

Wie erwähnt lässt sich Werner auch von einem Pizzablech verführen. Hierfür lässt der Student wieder sein Maschinchen arbeiten (Programm Teig). In einem Pizza-Teig darf natürlich das Olivenöl (1-2 EL) nicht fehlen. Ansonsten kann ich nur obiges Grundrezept empfehlen.

Übrigens keine Angst, Vollkornmehl und vor allem Roggenmehl machen das Geschmackserlebnis erst möglich. Wem hier zu sehr schaudert, dem sei gesagt, selbst Torten lassen sich mit Vollkornmehl wunderbar backen und schmecken plötzlich nicht nur fad und süß. Besonders Obstkuchen in allen Variationen (und vor allem zuckerreduziert) sind plötzlich reine Gaumenschmeichler. Zucker tötet ja im allgemeinen jeden Geschmack, bzw. verdeckt, das es einen solchen nie gegeben hat. Nach einer Weile ohne Zuckerbomben hat sich das menschliche Geschmacksystem wieder eingepegelt und handelsübliche Süßwaren brennen förmlich im Mund.

Den nun fertigen Teig bringt man mit einem Nudelholz in die passende Form und legt ihn in eine solche, wobei die Konsistenz in den meisten Fällen so ist, dass der Herr bereitwillig der Form folgt. Danach noch einmal (mindestens) 10 Minuten gehen lassen und mit einer Gabel einige Male einstechen. Das ganze nun mit Tomaten, Mozzarella, Basilikum und anderen Leckereien (Zucchini, Avocado, Oliven usw. nicht vergessen!) belegen, 20 Minuten backen und diese unvergessliche Komposition (mit Freu[n]den) genießen! (und bitte nicht mit Fleisch verschandeln ;-)) Achtung, für psychische oder physische Abhängigkeiten weise ich jede Verantwortung von mir.

Die Verwendung dieser Kurzanleitung und der Test an fremden Personen geschieht auf eigene Gefahr! Bitte nicht vergessen, dieser Teig ist nicht ganz so problemlos wie normaler Pizzateig, besser, bevor der Besuch vor der Tür steht, ab und an üben! Es schmeckt zwar auch noch wenn es optisch eine Katastrophe ist, aber die lieben Gäste haben mitunter gehobene Ansprüche...

PS: Beim nächsten Streik backen wir nicht nur Studienplätzchen! Da dürften Wowereit und Sarrazin eine Weile zu knabbern haben. Aber für diese Herren wäre das doch alles viel zu schade... So singen wir also nicht nur zu Weihnachten: Oh Wowereit, oh Wowereit, wie schwarz sind deine Pläne... [legal MP3]...

Hiermit allseits und allzeits einen guten Appetit wünscht Henrik Stamm.


Nachwort

Ein bisschen verwunderlich ist es schon, bin ich doch nicht der Technik-Freak - und das als (angehender) Informatiker. Selbst der größte Teil meiner Uhren ist mechanisch, und in Sachen Rechentechnik hat die Differenzmaschine von Charles Babbage und Ada Barton...

(der Frau im Hintergrund, und niemand in der Informatik möchte dies zugeben: ihrem Geist entsprang die grundlegende Technik ebenso wie die Idee von "Rechenprogrammen", als kleine Ehrung hieß eine Progammiersprache einmal ADA - von wegen Informatik sei ein Männerfach!)

... ihren Reiz. Wie dem auch sei, an einen Brotbackautomaten kann ich mich gewöhnen. Und - da kommt der Grüne wieder einmal durch - sowohl ökonomisch, als auch ökologisch ist solch ein Gerät im Vorteil. Der Energieverbrauch liegt weit unterhalb eines normalen Küchenherdes. (Es sei denn, man beläd ihn mit einem Dutzend Brote. Aber dann kann man ja gleich seinen Bäckermeister machen) Bei dieser Gelegenheit noch etwas hinterher, Computer sind Mittel zum Zweck und nicht ausschließlicher Lebensinhalt! (Wobei ich zusätzlich noch Vertreter der It's good enough-Mentalität bin) Oder meint ihr, Chirurgen pflegen eine enge Beziehung zu ihrem Skalpell? Unmöglich ist dies sicherlich nicht. Und mit Computern kann man sogar (eingeschränkt) interagieren und im allgemeinen widersprechen sie nicht einmal, obwohl sie manchmal zickig sind. Auf jeden Fall: es gibt Menschen mit dem Rechner als Partnerersatz, aber nicht nur unter Informatikern, und selbst da nicht zwangsläufig häufiger als anderswo.

Dies für alle, die schon das Gesicht verziehen, wenn sie Informatik hören. Aber so hat wohl jede Disziplin ihre Stereotype. Das mit der Psychologie muss man ja niemandem auf die Nase binden - dann hält mich wahrscheinlich jeder für ... Und das obwohl, wie sollte es bei einem Informatiker anders sein, ich der Kognitiven Psychologie zugewandt bin. Aber selbst solch ein Kognitiver Psychologe wird gefragt: Ach, sie sind so einer, zu dem man hingeht und sich auf die Couch legt? - Und Informatiker sind doch alle Hacker... Würde ich wiederum entgegnen - Schade um die Zeit!


Übrigens - auch Bernd das Brot mag ähnlich entstanden sein. Obgleich der Herr auch nur ein ordinäres Kastenweißbrot ist. (und selbst ich als Nicht-Fernsehender ihn kenne, vor allem dank fleißig fernsehender Nichten und Neffen...)
Und auf diese Kunst dieser Nahrungsbereitung vertstanden sich nicht erst die vermeintlichen Urväter Abendländischer Werte. Den Sauerteig, den gab es schon weitaus früher. Nein, wie so oft liegen die Ursprünge in der Wiege der Menschheit, mindestens im alten Mesopotamien. Und genau deshalb darf auch Werner (vor allem auch wegen seiner grenzüberschreitenden Beliebheit - Völkerverständigung mit Mehl und Wasser) eines von sich behaupten:


Ich bin ein alter Europäer!old europe

Ich kann es einfach nicht lassen...

Warum kann man sich, bei allen Unterschieden, nicht auf die vielen Gemeinsamkeiten berufen. Es kochen alle, im wahrsten Sinne des Wortes nur mit Wasser. Und wiederum sind es genau die Unterschiede, die ein Individuum (!!) für die Gesellschaft (und vor allem auch für jeden einzelnen Menschen) so wertvoll machen. Nur scheint gerade dies niemand zu begreifen. Die Werbung erzählt mir ja auch immer das Gegenteil, die nachrichten mittlerweile auch. Früher nannte man so etwas Gleichschaltung, Basta!...


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