Eine kleine Geschichte des Denkens

Warum die Deutschen das verpönen, was die Griechen mit Freude(n) [und Freunden] taten

Denken - so lautete die Antwort Goethes auf die Frage, was er für die schwierigste aller Tätigkeiten hielte. Und fürwahr, im Jahre 2004 gilt es nahezu als unfein, sich Gedanken zu machen. Das Nichts wird zelebriert, in Gedanken, in der Sprache, im Handeln. Ist dies der Naturzustand des Menschen - wohl kaum - würde sich mir sonst diese Frage auftun? Aber wie konnte es dann so weit kommen, wann und warum war es anders, was ist seither geschehen.
Fragen über Fragen, ein alltäglicher Zustand, ebenso wie die Suche nach Antworten. So mag man meinen. Aber immer wieder dominiert eine Antwort: " Das ist halt so!" Ob dem wirklich so ist, und wenn, warum dem so ist, danach fragt kaum noch jemand - wenn, so nennt man dies heute Grübeln - Heute!

Dabei ist Denken etwas, sicherlich Gegenstand der Psychologie aber auch etwas, dem so manche Teildisziplin der Informatik versucht nachzueifern, mit teils sehr mäßigen Erfolgen.

Etwas Historie

Griechenland, ca. 600 v. Chr.

Die Mathematik in den Dienste des Menschen gestellt, dass hatten schon so manche. Inder, Chinesen, Ägypter und Babylonier. Und auch immer war fortschreitendes Denken, nicht nur mathematisches, auch mit gesellschaftlichen Fortschritten verbunden. Die Fähigkeit des Menschen, Dinge im voraus zu bedenken und im Geiste zu formen hatten es dem homo sapiens ermöglicht, sich im Kampf der Evolution zu behaupten.

Jedoch geschah im alten Griechenland etwas sonderbares, bis dahin Unbekanntes und Unerhörtes. Die "moderne" griechische Sklavenhaltergesellschaft ermöglichte plötzlich etwas wie Freizeit, der Mensch musste nicht mehr sein gesamtes Dasein seiner Existenz widmen. Etwas, das wir heute am ehesten dem Begriff der Philosophie zuordnen griff um sich. Bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend aus der Religion entspringend, begannen die Menschen sich Gedanken zu machen. Ebenso ermöglichte die neugewonnene Freiheit, über sich selbst, den Menschen und die Menschheit zu reflektieren. Der Ursprung der antiken Philosophie war geboren. Diese Wege gingen auch Chinesen und Inder - weiter reichen meine diesbezüglichen historischen Kenntnisse leider noch nicht, unterstellen möchte ich dies aber allen damaligen Hochkulturen.

Gewaltige qualitative Fortschritte machte man mit Thales von Milet (ca. 624 bis 548 v. Chr.), so manchem vielleicht noch mit dem Satz des Thales in Erinnerung. Probleme als solche zu erkennen und zu lösen, das konnten bereits die genannten Hochkulturen. Der Beweis jedoch, das diese Lösung richtig bzw. die einzige Lösung und vor allem allgemeingültig sei, gelang erstmals den alten Griechen. Und von seinen schriftlichen Nachlässen her gilt Thales von Milet als Urvater dieses Denkens, des Beweises. Es gilt noch hervorzuheben, dass diese Allgemeingültigkeit ein in sich geschlossenes System, als welches wir die Mathematik heute nahezu selbstverständlich sehen, voraussetzte. Die Mathematik und das Denken allgemein verließen die Aura des Pragmatischen, sie wurden zu einer Kunstform des Lebens. Auch wenn die Bilder jener Zeit mitunter lüsterne und unter den Tischen liegende Philosophen zeigen, oder gerade deshalb - Denken war ein Gewinn an Lebensqualität - fun würde man heute sagen.

Das römische Imperium

Die Römer hatten wenig übrig für den Lebensstil der Griechen, Lust ja, Denken nein, vielleicht entstammt der irrige Gedanke, das Denken den Eliten zu überlassen jener Zeit. Der Durchschnittsrömer wollte und sollte sich amüsieren, die Geburtsstunde des homo ludens. Vielleicht auch ein Grund dafür, das Rom von der Geschichte einfach überrollt wurde. Fortschritt wurde ein Fremdwort. Und wie Theodor Mommsen sagte - Rom hörte einfach auf zu existieren

Das Mittelalter

Denkverbote und Volksverdummung, das waren die Schlagworte jener Zeit, die zwar nicht so finster war wie allgemein angenommen, aber doch der geistigen Entwicklung herbe Rückschläge versetzte. Bildungsmonopol der Kirche, Verfolgung Andersdenkender und neuer Ideen, mündend letztlich in der Inquisition, Hexenverbrennungen und Folter - es war keine gute Zeit für das Denken, einzig der Konservatismus feiert sich. Galileis Denken ist sicher das prominenteste Opfer, aber auch Kopernikus gilt es nicht zu vergessen.
Jedoch blieb auch dieses Mal die Entwicklung nicht stehen. Die Konfrontation mit der arabischen Welt brachte einen frischen Wind in eingefahrenes Denken. Der Treffpunkt von Orient und Okzident lag vor allem im Süden des heutigen Spaniens, hier trafen sich europäische und arabische Gelehrte. Lernen taten die Europäer und staunen. Astronomie und Mathematik hatten seit den Griechen ungeahnte Fortschritte gemacht. Und vor allem: vergessenes griechisches Denken gelangte wieder zurück nach Europa.

Die Renaissance

Beginnend mit dem Entstehen einer neuen Klasse, dem Bürgertum, erwachte auch wieder das Denken. Zu den ersten Philosophen der Neuzeit gehörten u. a. René Descartes und Thomas Hobbes. Noch waren Menschen wie sie auf eine vermögende Herkunft und aber einen Förderer angewiesen. Nit Erstarken des Bürgertums wuchs auch das Interesse an Kunst, Kultur und Bildung. Zum einen ließ der Lebenswandel Raum für privates - Freizeit, und diese wurde mangels Medien noch durch Neugier und Wissensdurst geprägt. Menschen jener Epoche sind unter anderem Goethe und Schiller. Aber vor allem auch die Frauen, auch Goethes, aber nicht nur seine. Nach wie vor am Rande der Gesellschaft existierend, nutzten sie ihre Freiräume, um Dinge zu hinterfragen, Wissen zu erwerben, zu inspirieren und manchmal auch zum konspirieren. Nicht unerwähnt bleiben soll hier Ada Barton - die Frau hinter Charles Babbage mechanischen Wunderwerken - zu viele "seiner" Ideen entstammen ihrer Hand. Die Progammiersprache ADA war nur eine kleine Hommage. Letztlich gehört Ada Barton aber zu einer der letzten ihrer Generation, einer sterbenden Generation. Es war die Zeit der letzten Ausläufer des Humanismus. Bald sollte er in Vergessenheit geraten.

Der Aufstieg des Kapitalismus - Anfang vom Ende des Denkens?

James Watt hatte mit seiner Dampfmaschine die Industrialisierung eingeläutet. Zugleich wuchs der Ertrag in der Landwirtschaft, wenige Bauern konnte viele Esser versorgen. Was tun mit diesen Menschen? Das perpetuum mobile »Kapitalismus« setzte sich in Gang. Viele mussten arbeiten, um viele mit Gütern zu versorgen, die sie mit ihrer Arbeit bezahlen mussten. Fortschritt nannte man dies. Einen Fortschritt gab es, in der Technisierung der Welt - zum Wohle der Menschen! Der Preis wurde in der Freiheit des Denkens gezahlt, der Mensch wurde zur Maschine. Denken war fortan nur wenigen vorbehalten, die Universitäten wurden ein Rückzugsgebiet dieser altehrwürdigen Beschäftigung. Gleichwohl drang ein gnadenloses Wirtschaftlichkeitsdenken in alle Bereiche des täglichen Lebens vor. Auslese durch Nutzen für »die Gesellschaft« - Nutzen hieß - Profit - Kapital. Das auch Wissen ein Kapital war - aus dem sich finanzieller Nutzen schlagen ließ - diese Erkenntnis brauchte Zeit. Wohl auch, weil dem Wissen und Denken rund um die Erkenntnis wieder einmal zu wenig Zeit "geopfert" wurde. Wieder musste altes griechisches und nun auch europäisch humanistisches Wissen neu wiederbelebt werden.

Preußische Tugenden und Pädagogik

Lange Zeit hielt man die Mehrheit der Bevölkerung keiner Bildung für fähig, schon gar nicht einer höheren. Mit der Zeit aber wurden ihnen Lesen, Screiben und Rechnen zugebilligt. Zuzüglich der Religion, einer Bürde, an der wir noch heute schwer tragen. Preußische Tugenden wie Treue und Gehorsam zogen auch an den Schulen ein. Gepaart mit dem christlichen Bild des zur Sünde geborenen Menschen entstand eine Schule, der Fluch bis in die heutige Zeit nachwirkt. Ohne Druck sei der Mensch nicht zum Lernen fähig. Und so mancher Mitmensch erklärt heute nach allen Ernstes, ohne Druck nicht arbeiten zu können. Rohrstock und Karzer waren die Schlagworte jener Zeit, heute setzt man auf psychischen Druck - mit denselben "ehrenwerten" Motiven. Vorbei waren die Zeiten, als man mit Freude und aus freien Stücken lernen durfte. erst A. S. Neill sollte jenen Geist wiederbeleben, den schon Pestalozzi und Fröbel ihren eigenen nannten. Aber die Freude sollte für lange Zeit aus den Schulen weichen. Bildung wandelte sich von einem begehrenswerten Gut zu einem Zwang. Und mit diesem Stigma behaftet verlernten die Menschen das Denken, zu sehr erinnerte es an Schule und Lehrer, an Anstalten und Anstaltswärter.

Die Nichtsgesellschaft

Zwei Weltkriege und 12 Jahre Herrschaft völlig Verrückter hinterließen ein leeres Land und leere Köpfe. Warum man gerade das als national betrachtet - ein Rätsel! An vieles wollte sich niemand erinnern - die Gesellschaft war traumatisiert - das Volk der Dichter und Denker war zum Massenmörder geworden. Nein - nicht das Dritte reich war eine Schöpfung Hitlers - Adolf Hitler war ein Produkt jener Zeit und seiner Gesellschaft, wahrhaben will dies bis heute niemand. Der Geist und das Denken von Jahrhunderten erstarb am 10. Mai 1933 in den Flammen. Seine letzten Träger flohen, so sie noch konnten aus diesem gottlosen Land. Den Rest holten sehr bald jene besgaten Flammen. Was konnte man danach mit Nichts aus dem Nichts aufbauen - sicherlich Nichts. Und so dreht sich heute alles um Nichts. Wir haben nichts zu sagen, das aber in mehreren Sprachen, unsere Nahrung ist gehaltlos aber kultig, wir alle spielen Fassaden vor einem leeren Geist. Und so mancher wundert sich, dass es mit Deutschland bergab geht. Und auch im Denken wird das Nichts kultiviert, es ist zwar fragwürdig, ob man keine Meinung haben kann, aber viele vertreten genau sie. Um die eigenen Gedanken zu verdrängen und um das Nichts zu erreichen, ist jedes Mittel recht. Seltsame Musik, die jeden Gedanken tötet, anstatt wie Beethoven oder Sibelius den Geist anzuregen, Fernsehen und neuerdings Extremsport - generell: etwas erleben wollen. Der Sinn ist der ewig gleiche, Kognition überfordern, um die verfluchten eigenen Gedanken zu verdrängen. Wobei das Wörtchen ICH immer groß geschrieben wird, man tut, was man nicht ist - irgendetwas.
Verstehen kann man dieses Verhalten dann aber doch nur zu gut. Wer möchte sich schon freiwillig mit seiner Rolle oder gar seinem Wert in dieser Gesellschaft auseinandersetzen. Dann doch lieber Alkohol, Tabak und Fernsehen? Abschalten tut dann doch einmal gut, zu dumm nur, wenn man gelernt hat Dinge zu hinterfragen und zu durchleuchten. Um so erschreckender war es, bereits bei Ossietzky diesbezügliche Anspielungen zu finden. Wenn man liest, dass Arbeitshetze und Existenzangst dafür verantwortlich gemacht werden, dass die Masse der Bevölkerung eher Unterhaltung als tiefe seelische Kultur sucht, fühlt man sich unwohl an heutige Zeiten erinnert. Statt von einer Vergnügungssucht des homo ludens zu sprechen befand er das Wort Betäubungssucht als viel treffender. So nachzulesen in »Auferstehung«, erschienen in »Das Freie Volk« vom 16. Dezember 1914. Es ist übrigens ein Jammer, in den Weiten des Internet nicht einmal historisch doch recht bedeutsame Dokumente zu finden, von Literatur ganz zu schweigen. Würde ja auch das Denken anregen.
Denken tut man hierzulande auch an den Universitäten nur noch selten, in der Politik schon längst nicht mehr. Seit Adolfs Zeiten ist es besser keine Meinung mehr zu haben, im Westen wie im Osten. Im Osten hat man sie noch so manches Mal, wurde doch das Denken dort befördert. Nur durfte man sie dort nicht offen äußern, so blieb es auch - auch viele, viele Jahre nach der Wende.

Gespielte Distanz, entfernte Nähe

Das Jahr 2004 unserer Zeitrechnung, knapp zweieinhalb Jahrtausende nach hoffnungsvollen Anfängen. Was ist geblieben - so gut wie nichts - das Nichts. Heute gilt es als schick, Distanz zu wahren, vor allem zu seinen Mitmenschen, nichtssagende Blicke überall. Abstand halten, statt sich mit den Menschen zu beschäftigen. Besser ist es, müsste man sich doch auch mit sich selbst auseinandersetzen. Schon allein auf Grund dessen, dass der andere dies tun würde. Die meisten Menschen sind in sich zerrissen, Konsistenz ist ein Fremdwort. Sie haben viel gelernt im Leben, sicherlich - Fakten. Hinterfragt haben sie nichts. So stehen nun Fakt und Gegenfakt oft nahezu einträchtig nebeneinander. Zu dumm, dass der Schluss funktioniert, es bleit die leere Aussage. Das, was vom Leben übrig bleibt - Smalltalk. In dieser Hinsicht findet man dann wieder viele Gleichgesinnte. Es ist zwar schlimm, sich zum Affen zu machen (dieses Tier ist da sicher intelligenter!), aber da es alle tun - kein Problem. Mode und Trend sind hier ausschlaggebend, Werbung erledigt den Rest - die Dummheit feiert ihre Auferstehung, und wir den Beginn eines neuen dunklen Zeitalters der Menschheitsgeschichte. Eines zeigt sich deutlich, auch die Universitäten können die Kunst des Denkens in unseren Tagen nicht mehr verteidigen. Was tun, wenn studierte Finanzsenatoren den Geisteswissenschaften ihre Daseinsberechtigung absprechen? Den Wert des Denkens kann man schwer ökonomisch fassen. Welchen Wert hatte Einstein - abgesehen von der Atombombe, welchen Wert hat ein Stephen Hawking. Gut ein Karl R. Popper verkündet das »Das Kriegführen um des Friedens Willen« - ob er diesen Widerspruch zu lösen vermag? Schon in der DDR stand die Philosophie im Dienste des Staates. [Ein Buch zu meiner Linken empfiehlt gerade: »Weltanschaulich-philosophische Bildung und Erziehung im mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht« - Erziehung der Schüler vom Standpunkt der Arbeiterklasse und der marxistisch-leninistischen Philosophie;...; der Titel klang vielversprechend, der Inhalt ähnlich »Kybernetik und Klassenkampf« - Sachen zum Lachen, oder zum Heulen - Denken sollte man nur in eigenen Gedanken, nicht in fremden!] Gedanken wollen frei sein, Brainstorming wollte dies fördern, konnte aber selten die Denkverbote in Gruppen und Gesellschaft überwinden. Gedanken haben die Flügel, die dem Menschen verwehrt blieben, und, sie wollen miteinander reden, in welcher Form auch immer.

Aufbruch in ein postindustrielles Zeitalter

Der Mensch hat seine Bedürfnisse verlernt, falsche erlernt. Die Behavioristen würden sich auf die Schenkel schlagen. Die ganze kognitive Psychologie scheint Luftschlössern nachzujagen. Die seltsame graue Substanz im Schädel ist nichts weiter als Ausgleichsmasse zum Ausrichten des Schädels. Allein Reiz-Reaktions-Lernen scheint noch zu funktionieren. Am vermeintlichen Triebtäter Mensch hätte Freud seine wahre Freude - ohne ihn darauf reduzieren zu wollen - Freud war weitaus intelligenter als jene, die ihn immer mit Freude zitieren - ohne auch nur einem Teil seiner Werke gelesen zu haben. Wir leben sowieso in der »... hat gesagt«-Zeit - um uns das Denken zu ersparen, greifen wir auf vermeintliche Autoritäten zurück. Wer schreibt, will zum Denken anregen, sicherlich auch überzeugen (das war Freud von sich bis zum Äußersten!). Aber niemals ist ein Buch das Ende alles Denkens.
Die derzeitige Quantität in der Industrieproduktion erlaubt die Freisetzung vieler Energien - man nennt dies auch Arbeitslosigkeit. Nur haben die Menschen verlernt, mit sich etwas anzufangen. Ich postuliere einmal ganz frech, dass der Mensch im Naturzustand keine Langeweile kennt. Sicher braucht ein jeder eine Lebensgrundlage und sein Auskommen, aber nicht unbedingt eine 40-Stunden-Woche, schon gar nicht 50. 30 sind in Ordnung, bei derzeitigen Stundenlöhnen. Und die Freizeit sollte man nicht nur zum Abschalten nutzen - Einschalten, seinen Geist! Das kommende Jahrhundert wird die Zeit des Wissens, nicht nur der Information. Und für die Anhänger des Kapitalismus - Geld machen kann man damit auch. Aber auch aus Wissen noch mehr produzieren, vor allem auch aus Information. Wir stehen erst am Anfang. Die Grundlagen im Denken sind schon lange gelegt, ausgraben müssen wir sie aber zum wiederholten Male. Vor allem müssen wir es unseren Kindern wieder beibringen, die heutigen Schulen, auch die Universitäten können dies zur Zeit nicht leisten. Zu sehr reagieren psychischer Druck, Missachtung der Persönlichkeit und banale Faktenvermittlung. Dabei kann Lernen so viel Spaß machen, aber für diese Aussage hält man mich ja zeitlebens für verrückt! Denken braucht keine Glas- und Marmorfassaden, keine teuren Computeranlagen - Denken braucht (bezahlbare!) Bücher, mitdenkende Lehrer (Mit- nicht Vordenker) und vor allem Zeit. Aber auch eine Offenheit Neuem Gegenüber, auch gegenüber vergangenen Fehlern.
Aber Bücher und auch Denker können wenig bewegen, wenn die Tätigkeit an sich keinen Wert besitzt. Diese Gesellschaft setzt diesem "Denken" noch die Krone auf, nicht nur körperliche, nein, auch geistige Tätigkeit ist etwas niederes, dem menschlichen Wohlbefinden Abträgliches. Dabei ist beides für das Wohlbefinden absolut unabdingbar. Es zeigt sich aber, wie sehr die Grundannahmen des Behaviorismus sich im Einklang mit dem menschlichen Verhalten befinden. Verhalten, das keine Verstärkung erfährt, wird nicht weiter ausgebildet bzw. weiter verfolgt. Im Grunde ist es also Zeit für einen großen gesellschaftlichen Wandel - im Denken. Und zu unserem großen Glück ist Behaviorismus nicht alles, mit Kognition, Einsicht und eben Vernunft kommt man auch zu anderen Schlüssen und manch einer findet sein Glück abseits des gesellschaftlichen Ideals des homo oeconomicus. Manches ist eben weder mit Geld zu bezahlen, noch in diesem Maßstab zu ermessen. Gesundheit ist eines dieser "Güter", geistige Schaffenskraft ein anderes. Brauchen tun dies im Grunde alle Menschen, nur vielen wurden diese Dinge und Maßstäbe einfach abtrainiert.

Wir haben diese Zeit, nutzen wir sie!

Freiheit ist auch immer Freiheit der Gleichdenkenden

Daniela Dahn, »Wir befinden uns so unwohl. Wir sind wieder einmal am Anfang.«

Anerkannte menschliche Grundbedürfnisse des Menschen

Neben den körperlichen Bedürfnissen des Menschen wie Gesundheit, Nahrung, Ruhe, Schlaf oder Entspannung zählen dazu auch geistige eine persönlichkeitsförderliche Tätigkeit und eine anregende Umwelt. Ebenso zählen hierzu das Bedürfnis nach Liebe, der emotionalen Bezogenheit und Verbundenheit mit anderen Menschen. Mit Marcuse begann man wahre von falschen Bedürfnissen des Menschen zu unterscheiden. Vergleichen kann man dies mit primären und sekundären Verstärkern in der Psychologie. Die primären V. sind von der Natur vorgegeben, die sekundären jedoch erlernt. Und ein Seitenblick auf viele durch Werbung geweckte Bedürfnisse zeigt, dass diese mitunter den natürlichen entgegen stehen. Wieder Konflikte, deren Auflösung im Nichts endet. Der bekannte »Will-haben-Trieb« ist nichts weiter als ein - recht dummer - Reflex - ein erlernter.

Ratschläge zur Beförderung des Denkens:


Inspiriert u.a durch:

sowie manch seltsame Kommentare meiner lieben Mitmenschen, manches Mal komme ich mir vor, wie ein Wackeldackel - man kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus!

Ein ebenso schönes Buch ist »Idee und Leidenschaft« von Richard Tarnas. Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte und eine Idee der Genese der westlichen Lebensart, den Freudianer kann man dabei auch kaum übersehen ;-)...

Jede Generation muss die Ideen, die ihr Verständnis der Welt geprägt haben, von ihrem je eigenen Standpunkt aus prüfen und neu durchdenken. Dieser Herausforderung haben wir uns in der reichlich vielschichtigen Perspektive des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu stellen. Ich hoffe, dieses Buch wird dazu einen Beitrag leisten.

Soweit Richard Tarnas im Vorwort [Hervorhebung von mir, Henrik Stamm], im übrigen ein Amerikaner mit kritischem Blick auf die Atombombe, für einen Philosophen und Psychologen aber keine unnachvollziehbare Denkweise, im Gegenteil. Zu meinem Leidwesen endet dieses Buch 1990, die Welt danach verdient auch einer kräftigen kritischen Durchleuchtung. Hier arbeitet zwar Noam Chomsky unermüdlich, aber verdient er neben etwas mehr Aufmerksamkeit auch etwas Unterstützung!

Wie man sieht, genügt es mitunter aber allein zu dokumentieren, um den Geist auf die richtige Bahn zu lenken. Information war schon immer der Feind der Autokraten. Und Wissen könnte ihren Untergang besiegeln, wenn es denn zur Allgemeinbildung erklärt werden würde. Aber Wissen aus Information zu gewinnen, dazu bedarf es eines wachen Geistes und geschultem Denken, dies zu verbreiten dürfte die Hauptaufgabe des begonnenen Jahrtausends werden.

Argumente sollten vermieden werden, sie sind immer vulgär und oft überzeugend.

Oskar Wilde

Und der EQ

Was das nun soll - emotionale Intelligenz. Halten wir es mit Daniel Golemann? Das Buch ist weder richtig gut, noch richtig schlecht - typisch amerikanisch, der Herr verkauft zuerst sich, dann sein Produkt und zwischen den Zeilen findet sich doch noch manche Kostbarkeit. Aber durch und durch findet sich wieder einmal das christliche Menschenbild - hier in Form der allgegenwärtigen und nicht zu besiegenden Aggression. Soll man versuchen, sie zu beherrschen oder sich ihrer Ursachen annehmen? Emotionen zu beherrschen ist schwer - aber viele Gründe sind kognitiver Natur. In Zeiten der Ruhe kann man wieder eimal nachdenken, damit die Gefühle eine gute Grundlage bekommen.
Bedrückend aber ist, was Golemann mitunter anschneidet, sich aber in Gänze erst bei Carolyn Saarni wiederfindet - eine Skalierung des EQ. Erschreckend, auf welch bescheidener Stufe viele Menschen verharren. Schauen wir auf ihr Verhalten - finden wir Empathie für andere Menschen? (Und ich dachte immer, vorausschauendens Denken schließe auch andere Menschen ein...) Die Gesellschaft, das alte Lied, sie will es so, so wie es ist - wer wiederum ist die Gesellschaft? Emotionen sind Schwäche, Männer sowieso nicht, Frauen heute auch nicht mehr? Falsch gedacht, sicher muss man mit Emotionen umgehen können, sie mitunter auch beherrschen. Aber man darf nicht vergessen und schon gar nicht verlernen, auf seine inner Stimme zu hören. Der sechste Sinn, den einmal mehr jemand gefunden zu haben glaubt - Unbewusstes in emotionaler wie auch in rationaler Form. Darauf vertrauen (können) ist wahres Selbstvertrauen.


Stille

Zu einem Einsiedler kamen eines Tages einige Menschen.

Sie fragten ihn: »Welchen Sinn siehst Du in Deinem Leben in der Stille?«
Er war gerade mit dem Schöpfen von Wasser aus einer tiefen Zisterne beschäftigt.
Er überlegte und sprach: »Schaut in die Zisterne. Was seht ihr?«
Die Besucher blickten in die tiefe Zisterne: »Wir sehen nichts.«
Nach einer Weile forderte der Einsiedler die Leute wieder auf: »Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?« Sie blickten hinunter und sagten: »Jetzt sehen wir uns selbst!«

Der Einsiedler sprach: »Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig, und ihr konntet nichts sehen. Jetzt ist das Wasser ruhig, und man sieht sich selber. Das ist die Erfahrung der Stille.«


In unserer heutigen Gesellschaft ist die Stille eine wertvolle und vor allem seltene Erfahrung. Es verwundert daher auch kaum, das kaum jemand in dieser Welt zu sich selber findet. Aber diese Art der Erfahrung ist ja auch gar nicht erwünscht. Individualismus ist schon etwas ziemlich Subversives. Individualität umso mehr, sofern sie abseits der vorgefertigten Wege verläuft. Warum wohl gibt es soviel Kommerz um Klingeltöne für Handys - handelt es sich doch hier nur um vermeintliche Individualität. Wäre der Mensch in unserer Gesellschaft ein Individuum, er hätte es nicht nötig, in jedem Moment seines Lebens, sich von anderen absetzen zu wollen.
Die Gedanken, die die Stille durchdringen, sich erst in ihr entfalten können, erreichen mitunter aber auch eine beachtliche Stärke, eine gewisse Lautheit. Und allein diese Stimmen sollten den Takt des Lebens vorgeben.
Eine Frage zum Schluss, zum Überdenken in ruhigen Momenten: Warum setzen die vermeintlich weniger individualistischen fernöstlichen Kulturen so sehr auf Meditation? Nicht umsonst gilt dies als ihr Weg der (Selbst-)Erkenntnis.

Etwas zuletzt: Die Gedanken brauchen auch eine Basis, brauchen Anregung. Und die bringen am ehesten fremde Menschen (aber auch Bücher, Zeitungen usw. , wobei Dialoge immer fruchtbarer sind). Aber doch sollte jeder Mensch frei in seiner Entscheidung sein, wann und wie lange er sich mit seinem Selbst auseinandersetzen möchte. Also ist er leider auch frei in seiner Entscheidung, es abzulehnen.


Probleme:

Die Welt könnte ja nun so schön sein. Ist sie aber nicht! Wie immer hat die Medaille zwei Seiten - eine schöne und eine weniger schöne. Die gute zuerst - Denken macht Spaß - die schlechte - Denken zerstört Karrieren, macht grenzenlos einsam und führt zu Langeweile. So zumindest der Tenor in H. Steins Buch «Endlich Nichtdenker». Und bis auf Punkt drei stimmt es leider vollkommen! Und:

Scharfes Denken ist schmerzhaft. Der vernünftige Mensch vermeidet es, wo er kann.
Bertold Brecht

Aber besagtes »Handbuch für den überforderten Intellektuellen« schafft wirkungsvoll Abhilfe. Auch dank zahlreicher praxisbezogener Übungen. So zum Beispiel die Aufforderung zum Tragen von landsmannschaftlichen Trachten und dem Beitritt zu einem Schützenverein. Da bleibt nicht mehr viel vom Intellektuellen. Aber was ist das denn überhaupt?

Intellektuelle - ich habe noch nie welche getroffen. Ich habe indessen viele Leute getroffen, die über den Intrellektuellen reden. Und durch vieles Zuhören konnte ich mir ein Bild davon machen, was dieses Lebewesen sein mag. Das ist nicht schwer, es ist der, der Schuld hat. Schuld an allem Möglichen: zu sprechen, zu schweigen, nichts zu tun, sich in alles einzumischen... Kurz, wo es um Rechtsfindung, Aburteilen, Verurteilen und Ausschließen geht, muss der Intellektuelle her.
Michel Foucault, in »Von der Freundschaft«

Es ist schon ein schweres Los, man schweigt, wo man lieber spricht; man spricht wo man lieber schweigt, denkt über Dinge nach, die man dann lieber nicht gedacht hätte, und kann sie vor allem nicht vergessen. Der Geist und das Denken sind wie ein roter Faden im Leben. Nichts steht für sich allein und nichts bleibt ohne Wirkung - und das selten der erhofften. Und ich gebe es auch unumwunden zu - ich bin schuld - woran auch immer! Und doch möchte Mensch nicht darauf verzichten, dinge und Zusammenhänge zu verstehen. Aber es ist fatal - das Wissen ist unendlich, die Möglichkeiten des Verständnisses eng begrenzt. Wer an diesem Punkt angekommen ist, überlegt ernstlich, »Nichtdenker« zu werden. Denn mit der Unendlichkeit hatten die Menschen schon immer Probleme. Und nichts treibt leichter in den Wahnsinn, als sich über die Unendlichkeit Gedanken zu machen. Der Informatiker wendet an dieser Stelle nun ein, dass Zyklen zwar problematisch aber nicht unbedingt unbeherrschbar sind. Hier hat sich viel geändert. Es scheint nur eine Frage des Umganges und der Darstellung zu sein, durch welche die Unendlichkeit ihren Schrecken behält. Denken oder Nichtdenken?


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last changed at 15:22, November 17, 2004 by Henrik Stamm,
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