Thomas Ney
Student an der HU-Berlin
Energiewende oder Kostenexplosion?
Verfasst am 07. Januar 2009 um 19:07 Uhr | Kategorie: Studentenleben | Autor: Thomas |Gestern Abend erreichte mich folgende E-Mail, mit der Bitte, die erste gute Tat im neuen Jahr zu vollbringen:
Liebe Berliner Studierende!
Im Januar wird die neue Ausschreibung über Stromlieferverträge für alle öffentlichen Gebäude in Berlin für die nächsten Jahre erarbeitet — darin eingeschlossen ist auch Deine Hochschule, sofern Du an einer der 16 öffentlichen Berliner Unis oder FHs studierst.
Wir fordern die Senatsverwaltung für Finanzen, die über die Vergabekriterien entscheidet, in einem offenen Brief auf:
100% Erneuerbare Energien aus Neuanlagen - die Energiewende in Berlin umsetzen!
Damit soll Stromversorgern wie dem momentanen Lieferanten Vattenfall ein Riegel vorgeschoben werden. Der Raubbau an der Natur, wie ihn Vattenfall in der Lausitz zur Braunkohleförderung betreibt ist ebenso unakzeptabel wie eine zum Klimawandel beitragende oder mit Strahlungsrisiken verbundene Energieerzeugung.
Konkret fordern wir […], dass das Land einer Musterausschreibung des Umweltbundesamtes folgt, die eine Beschaffung von 100% Ökostrom vorsieht. Bremen hat dies bereits umgesetzt - Berlin muss folgen! Die Mehrkosten betragen nur etwa 1-2% im Jahr und ob diese getragen werden ist eine politische Entscheidung, die wir beeinflussen können.
Mit Deiner Unterstützung bekommt unser Anliegen mehr Gewicht. Deshalb bitten wir Dich, den Offenen Brief online unter studieren-ohne-kohle.de zu unterschreiben. Die Aktion läuft bis zum 12.Januar, danach wollen wir den Offenen Brief öffentlichkeitswirksam an den Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin übergeben.
Mit freundlichen Grüßen,
Suse (vom Umweltreferat der TU Berlin)
Auf den ersten Blick klang das zumindest sehr interessant. Allerdings hat mich die Angabe der Mehrkosten mit nur 1-2% etwas verunsichert.
Daher habe ich mal die Großkundenpreise von Vattenfall (11,76 Cent/kWh, bzw. 13,53 Cent/kWh, falls man bei Vattenfall "Ökostrom" ordert) und Lichtblick (16,80 Cent/kWh) verglichen. Nun ist mir bewusst, dass ein derartiger Großabnehmer wie die Stadt Berlin den Strom nicht zu den gleichen Konditionen erhält, wie das Unternehmen XY. Dennoch bleibt festzustellen, dass Ökostrom – je nach Anbieter – zwischen 15% und 45% teurer ist. Selbst bei einer noch so guten Verhandlungsposition wird sich dieser Unterschied kaum egalisieren lassen.
Nicht das man mich hier falsch versteht: Ich bin keineswegs gegen Ökostrom. Mein kleines Rechenbeispiel belegt lediglich, dass die Initiative “Studieren ohne Kohle” mit fragwürdigen Zahlen arbeitet.
Obendrauf kommt noch ein weiteres Problem: Hier in Berlin erzeugt Vattenfall einen Großteil seiner Energie durch Blockheizkraftwerke – also Kraft-Wärme-Kopplung. Daher erzeugen diese erzeugen neben Strom auch günstige Fernwärme. Mit dieser wird sicher auch so manches öffentliche Gebäude beheizt. Wer also Vattenfall vom Markt drängen will, verteuert damit auch die Heizkosten. Diese Mehrkosten dafür kämen also noch oben drauf.
Nun will ich hier bestimmt keine Lanze für Vattenfall brechen. Ich bevorzuge selbstverständlich auch eine CO2-arme Energieerzeugung. Aber das diese nette kleine Initiative im Ernstfall erhebliche Mehrkosten erzeugen würde, dürfte jedem schnell klar werden. Stellt sich die Frage woher das Geld kommen soll. Das Berlin nicht grad im Geld schwimmt dürfte sich rumgesprochen haben – und solange der Regierende arm sein sexy findet, wird sich daran nur wenig ändern. Spätestens, wenn alle das am eigenen Geldbeutel (z.B. über Studiengebühren) spüren, dürfte so mancher nachdenklich werden. Mich würde jedenfalls mal interessieren, wie viel Prozent der Unterzeichner selbst Ökostrom beziehen. Unter ihnen wird sich auch der ein oder andere finden, der von der Allgemeinheit bezahlt haben will, was er privat nicht bereit ist auszugeben.
Die eierlegende Wollmilchsau gibt es jedenfalls nicht, und im Zweifelsfall werden sich auch die Grünen zwischen höheren Semesterbeiträgen, Ökostrom für Unis und Mehrkosten/Leistungskürzungen an anderer Stelle entscheiden müssen.
Das auch der Senat was zur Liebe unserer Umwelt tun muss, ist dabei unstrittig. Ich halte es jedoch für angebrachter, überflüssigen Energieverbrauch zu vermeiden, statt sich nur darum zu kümmern wie diese umweltschonend erzeugt werden kann. Wenn ich mir die Fenster im Hauptgebäude der HU ansehe, so besteht dort ein erhebliches Energiesparpotenzial, welches durch den Einsatz neuer ausgeschöpft werden könnte. Gerade in Zeiten der sich ankündigenden Wirtschaftskrise könnte man, wie von staatlicher Seite geplant, ein Renovierungsprogramm für öffentliche Gebäude auflegen, um deren Energieeffizienz zu steigern. Das spart auch langfristig Geld und verschafft uns die Liquiditätsmittel, um auf Ökostrom umzusteigen. Im Augenblick ist das jedoch in meinen Augen indiskutabel.
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