Thomas Ney
Student an der HU-Berlin
Den Lumpen ein Schnippchen geschlagen
Verfasst am 13. November 2008 um 13:49 Uhr | Kategorie: HU-Berlin | Autor: Thomas |Mit 45-jähriger Verspätung hat die HU ihre längst überfällige Pflicht nachgeholt, ihrem früheren Studenten Wolf Biermann das 1963 aus politischen Gründen vorenthaltene Diplom auszuhändigen. All die Jahre lag es ununterschrieben in der Studienakte Biermanns. Auch ohne SED-Diktatur hat es die Universität 18 lange Jahre versäumt, das in ihrem Namen begangene Unrecht wieder gut zu machen. Offensichtlich war dies der aktuellen Hochschulleitung so unangenehm, dass es für Biermann den Ehrendoktor obendrauf gab - um “den Lumpen ein Schnippchen zu schlagen”, wie es in der Laudatio mit den Worten Heines hieß.
Ich selber habe davon erst kurzfristig erfahren, denn die Pressemitteilung der Uni klang gerade so, als sei ohnehin nur die Presse geladen. Glücklicherweise habe ich es dennoch rechtzeitig ins Audimax geschafft. Auf die - mit Ausnahme der vom Unipräsidenten Markschies gehaltenen - eher schwachen Ladationes folgte ein rund eineinhalbstündiger Auftritt des Dr. Wolf Biermann.
Dieser erzählte seinen Werdegang an der Humboldt-Universität. Statt durchaus berechtigter Kritik an der Hochschule widmete er seine Dankesrede (die in Auszügen unten zu lesen ist) seinem früheren Dozenten und Mentor Wolfgang Heise. Dabei schilderte er - auf Du mit dem Publikum - Episoden seines Lebens. Wie ein ehemaliger Nazi-Propagandist im Dienste der SED ihm einst vorwarf, mit den Mördern seines Vaters gemeinsame Sache zu machen. Oder wie er - mangels Konkurrenz - während seines Auftrittsverbots einen ersten Platz beim Turmspringen gewann - im “Fließensarg” des Stasi-Vereins Dynamo Weißensee. Neben seinem aktuellen Stück spielte er auf Wunsch des Publikums auch den “Preußischen Ikarus”, ehe sich der Abend unter stehenden Ovationen dem Ende näherte.
Mir ist es dabei gelungen, neben ein paar Fotos in mangelhafter Qualität auch ein Autogramm des Gewürdigten zu erlangen.
Auszug aus der Rede Wolf Biermanns
Dieser Tage beriet ich mich, wie gelegentlich in mehr pathetischen Zeiten, mit dem wahren Philosophen der DDR, also mit Wolfgang Heise. Der sitzt seit 1987 oben auf der Wolke zusammen mit Hölderlin und Hegel, neben Voltaire und Marx. Ich fragte ihn da oben: Soll ich, wenn demnächst deine und Hegels Nachfolger an der Humboldt-Universität mir das Diplom von damals aushändigen, soll ich dann auch den Ehrendoktortitel mir anhängen lassen? Heise lächelte und sagte: “Eigentlich nicht. Uneigentlich doch. Nimm die Ehrung an, schon aus Respekt vor denen, die ein Unrecht von vor 45 Jahren wieder gut machen wollen.” Aber heikel ist solch ein Titel! Du brauchst keinen Titel. Und ein richtiger Philosoph bist Du, trotz des Studiums, nie geworden. […] Auch meine Diplomarbeit schrieb ich über ein sehr relatives Modethema: Max Benses Informations-Ästhetik, also eine Kritik der Anwendung mathematischer Methoden auf die Ästhetik.
[…]
Ich will Ihnen erzählen, was passierte in diesem lehrreichen Jahr 1963, als ich die Prüfungen erst im Nebenfach Mathematik, dann im Hauptfach Philosophie an der Humboldt-Universität absolvierte. Die Mauer war grade gebaut. […] Eine Mitgliedschaft in der Staatspartei strebte ich an, weil ich der Meinung war, dass wir jungen Kommunisten diese stalinistische Festung erobern müssen. Als ich 1963, nach zwei Jahren Wartezeit, endlich zum ordentlichen Mitglied der Partei gewählt werden sollte, stimmten die Studenten meiner Parteigruppe im 5. Studienjahr der Philosophie für mich: 17 Kommilitonen standen gegen 4, eine satte Mehrheit. Aber der anwesende Instrukteur der übergeordneten SED-Bezirksleitung Berlin erhob statutengerecht Einspruch. […] Also musste eine neue Parteiversammlung organisiert werden, in der abermals abgestimmt werden sollte, denn so funktionierte die undemokratische Praxis des “demokratischen Zentralismus”. Die SED-Zentrale Parteizentrale hatte Erfolg mit ihrem Überzeugungsterror. Das nächste Abstimmungsergebnis lautete nur noch knapp 11 zu 10 für mich. […] Abermals kam das Veto von oben. Bei der dritten Versammlung, stimmten endlich 20 gegen mich, und nur noch einer stand für den Kandidaten Biermann. Es war der Sohn des Arbeiterschriftstellers Ludwig Turek, aber – wie ich dreißig Jahre später in meinen Akten las – leider im Auftrage des MfS. Die ganze Prozedur mündete in eine hexenjägerisch aufgeheizte Partei-Vollversammlung des Instituts, das heißt mit Teilnahme auch der Genossen des Lehrkörpers. Der Direktor unseres Instituts, ein Professor Hermann Ley, führte routiniert das Wort. Dieser Genosse Ley war ein Doktor der Zahnmedizin, berühmt berüchtigt, weil er ohne Vorbereitung über jedes philosophische Thema einen einstündigen Vortrag halten konnte. Im Präsidium saß auch der Genosse Professor Heise, der eigentliche Kopf. Wir verehrten diesen Mann mit dem gramgrauen Gesicht, wir bewunderten sein breites und tiefes Wissen und seinen bescheidenen Stolz. Unter uns Studenten wurde kolportiert, dass Heises Chef, der Zahnarzt-Philosoph Hermann Ley, seine Doktorarbeit in der Nazizeit geschrieben hatte, mit dem Thema: “Karies und Rasse” – aber diese zeitgemäße Dissertation blieb unauffindbar, so wie heute auch die Dissertation von Gregor Gysi. […] In dieser aufgeregten Versammlung trat unerwartet griesgrämig mein Heise gegen mich auf. Auch er votierte gegen meine Aufnahme in die Partei mit einem sibyllinischen Satz: “Wolf Biermann ist kein Kommunist!” – Ich war verwirrt und wütend, ich verstand die Volte meines Lehrers nicht. Geschweige denn konnte ich damals schon ahnen, dass Heise mir eigentlich einen Gefallen tat.
[…]
Im gleichen Jahr 1963 war auch unser Hinterhof-Theater “bat” im Prenzlauer Berg liquidiert worden. […] Ich produzierte von da ab nur noch Lieder und Gedichte. Meine Tonaufnahmen erlebten eine wundersame Vermehrung: Kopien kopierter Kopien verbreiteten sich extensiv, ja in geradezu geometrischer Reihe. […] Diese Turbulenzen waren wohl der Grund dafür, dass vom Politbüro des ZK der SED ein Hinweis aus der Bevölkerung kam, also ein Parteiauftrag von ganz oben an die Kreisparteileitung der Humboldt-Universität: Dieser Biermann darf auf keinen Fall teilnehmen an den Prüfungen zum Diplom. In jenen wirren Tagen nahm Wolfgang Heise mich beiseite und sagte: “Wolf, Du solltest sofort, noch vor den Prüfungen – und für lange genug – krank werden, bitte eine schwere Krankheit. Die Gründe kann ich dir nicht sagen.” Ich verstand das Unverstehbare, fragte nicht groß nach, sondern lief Richtung Weidendammer Brücke zu einem Internisten. […] Der lieferte prompt die Diagnose: Student Karl-Wolf Biermann hat eine progressive Herzkranzgefäßverengung mit der Gefahr eines Herzinfarkts. Rezept, Stempel, Unterschrift, Krankschreibung. Solch eine solide Krankheit war politisch akzeptiert, ein letzter gemeinsamer humaner Nenner. Meine Kommilitonen gingen also in die Diplomprüfungen – und ich fuhr nach Norden in die Sommerferien und erholte mich von dem Leiden, das ich nicht hatte. Paar Monate später […] wurden in der großen Politik von unseren dschugaschwilischen Schweinepriestern schon längst wieder andere Säue durchs Dorf getrieben. Es jagte ja eine Kampagne die andre. Und der Fall des kleinen Philosophie-Studenten war zum Glück viel zu unwichtig. Nun also meldete sich mein Heise und sagte: “So, Wolf, nun solltest du schleunigst wieder gesund werden. Ich habe eine außerordentliche Prüfungskommission zusammengestellt, korrekt mit den vorgeschriebenen Professoren und Dozenten. Denke nicht, dass wir es Dir besonders leicht machen, im Gegenteil, wir dürfen uns keine Blöße geben gegenüber so ungnädigen Genossen wie Alexander Abusch und Paul Verner und Kurt Hager im Politbüro. Auf keinen Fall dürfen wir formale Regeln verletzen. Es wird Ärger genug geben.”
[…]
Wolfgang Heise schrieb damals grade an seinem Buch “Aufbruch in die Illusion”, das im VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1964, veröffentlicht wurde. Der Untertitel zeigt schon, wo bei Heise der Hase langlief: “Zur Kritik der bürgerlichen Philosophie in Deutschland” – also eine marxistische Abrechnung mit verschiedenen Ideologien im Westen. Heise prangert parteitreu die anti-aufklärerischen Tendenzen im Westen an. […] Oh ja, Heise sah die westliche Welt als eine am Rande des Abgrunds, also am “Ausgang des Kapitalismus” – dabei befanden wir uns längst in der Endphase des todkranken Sozialismus! Mein kluger Freund predigte, wenn auch vom Zweifel gepeinigt, parteifromm die Religion des Marxismus-Leninismus, obwohl wir längst in der Epoche nach dem XX. Parteitag der KPdSU lebten, als der kommunistische Tierversuch an der Menschheit ja schon vor aller Augen gescheitert war. Ich vermute: Unser geliebter Lehrer wusste um all das selber und wohl auch tiefer als wir Anfänger. Er wollte die Wahrheit partout nicht wahr haben, dass der kommunistische Versuch, das Himmelreich auf die Erde zu zwingen, sich als realer Weg in die Höllen des Gulag erwiesen hatte. Die marxistische Endlösung der sozialen Frage bewies, dass die Utopie wirklich das ist: ein Unort, hinter Stacheldraht.
[…]
Dass mein hin- und hergerissener Professor gegen die Anweisung der Obrigkeit mich die Prüfungen doch hatte machen lassen, blieb nicht unentdeckt. Aus dem ZK kam nun der hysterische Parteibefehl, diesem Biermann auf keinen Fall die Dokumente mit Stempel und Unterschrift auszuhändigen.
[…]
Im Dezember 1965, brach über uns alle eine heilsame Desillusionierung herein, ein Schock: Das 11. Plenum des ZK der SED. Damals wurde der junge Wolf Biermann neben den alten Robert Havemann und Stefan Heym an den Pranger gestellt. Wir drei Ketzer wurden mit Pauken und Trompeten entgnadet und exkommuniziert. Für mich, den Novizen, erwies sich das totale Verbot als eine enorme Beförderung. […] Bei mir war nun endgültig Schluss mit dem Versuch, taktisch zu sein, Schluss mit den schlauen Kompromissen. Nun hatte sich also der Biermann endgültig entlarvt als Konterrevolutionär und Renegat.
[…]
Für Professor Heise aber wurde mein Fall ein Sturz. Nun präsentierte die Partei ihrem ungehorsamen Genossen die Rechnung aus dem Jahre 1963. Ein Parteiverfahren wurde durchgezogen. Wolfgang Heise verlor die Position als Professor für die Königsdisziplin: Philosophiegeschichte.
[…]
Heise und ich blieben Freunde. […] Er wollte immer auf dem neuesten Stand meiner Dummheit sein, machte sich Sorgen um seinen eigensinnlichen Schüler, wollte wissen, ob sein ungezogener Zögling noch was Brauchbares zustande bringt. […] Wie in Notwehr schrieb ich damals, mitten in den Tagen des kulturfeindlichen Kulturplenums des ZK der SED, meine aggressive Populärballade. Nun unsere Herren mich knebeln wollten, nahm ich schon gar kein Blatt mehr vor den Mund. […] Im Strafgesetzbuch der DDR wurden solche Verse als politische “Hetze” gewürdigt, für dermaßen offene Attacken drohte der gefürchtete Gummiparagraf 106. […] Heise hielt mir geduldig das gute Beispiel Heiner Müller vor die Nase. Ja Müller! das war ein Dichter nach Heises Herzen. Der schrieb komplexer, geschichtsbewusster, klüger. “Der Müller kritisiert unsere Gesellschaft ja auch radikal, aber nicht so romantisch aggressiv gegen konkrete Personen. Du solltest poetisch überhöhen und vertiefen, wie es Dir gelungen ist in Deinem starken Barlach-Lied. Beherzige, was Brecht sagt über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit, verwende die Verfremdungstechniken, nutze die Fabel, Galileis List der Vernunft, den griechischen Mythos. Genial, wie Müller die Geschichte des Philoktet auf die Bühne bringt. Am Beispiel des Griechen vor Troja versteht dann jeder bei uns in der DDR, dass die Partei einen kritischen, aber unentbehrlichen Genossen eben nicht aus dem Kollektiv der Kämpfenden ausstoßen darf, nur weil ihn unterwegs auf der Insel eine Schlange gebissen hat und seine Wunde nun schwärt und unerträglich stinkt und weil die Genossen seine Schmerzensschreie nicht aushalten […] und wie der Ausgestoßene dann doch wieder dazugehört. Du darfst kein stinkender Philoktet werden, dessen Geschrei die führenden Genossen nicht aushalten. Du kennst doch den Spruch: ‘Der Helm eines echten Bolschewiken hat viele Beulen – und nicht alle stammen vom Klassenfeind!’”
[…]
Als eine Elite der DDR-Schriftsteller nach dem Kölner Konzert im November 1976 gegen meine Ausbürgerung protestierte, da unterschrieb Heise die beim Klassenfeind im Westen veröffentlichte Petition von Stephan Hermlin & Co. nicht. Heise schrieb lieber einen Brief an den obersten Ideologiewächter im Politbüro, an Kurt Hager. Heises Pamphlet war klug, war radikaler als die Protest-Petition, denn er ging tiefer an die Wurzel des politischen Übels. Aber der tapfere Text blieb damals unveröffentlicht, und das bedeutet leider: Das Politische blieb unpolitisch. Dass Heise zwei Jahre vor seiner hassgeliebten DDR an einem Herzinfarkt starb, passt in mein Bild von ihm und passt zu dem Refrain meines neuen Liedes mit dem Voltaire-Zitat: “Ce qui touche le cœur se grave dans la mémoire.” Ja, Heise nahm sich die DDR zu Herzen, und das erwies sich als tödlich – er starb sehr früh. Ich gedenke seiner […] aber nicht mit Nachsicht, sondern mit Liebe.
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