Künstler-Bio

Funny van Dannen

weitere Auftritte

11.04.2005 // FritzClub, Berlin [Zusatztermin & Tourabschluss]


Funny-Karte

      Regenwürmer sind ja auch nette Leute

An der neuen CD von Funny scheiden sich (mal wieder) die Geister. Für die einen erneut das beste Album bisher, für andere allenfalls langweilig. Am Konzert gab es aber wie immer nichts zu deuteln, denn das war wie gewohnt in bester Manier ...

Dieses Zusatzkonzert stellte ja den Abschluss der Tour dar, welche Funny begleitend zum mittlerweile 8. Album absolvierte. Somit war der Andrang im kleinen Raum des Postbahnhofs (und nicht die große Halle in der 1. Etage, wie noch bei Adam Green) dementsprechend groß. Ein bunt gemischtes Völkchen wartete also gespannt, wie damals in der Columbiahalle im Stehen, welche Stücke der "Meister der anspruchsvollen Triviallyrik" dieses mal aus seinem Koffer (immer noch in handsgeschriebenen Noten) neben den (neuen) Mundharmonikas wohl auspacken würde. Nach den obligatorischen Aufbauminuten, dem publikumsnahen Soundcheck ("Kommt was raus? Hört ihr was?") und einem Witz über seine "Duo"-Tüte ("Ich bin in den Laden und hab gesagt, ich will ein Duo werden. Da haben sie mir gleich die passende Tüte gegeben. Jetzt bin ich ein Duo.") ging es dann aber gleich ordentlich um 21:23 Uhr an diesem Montagabend los. Ein Mann und seine Gitarre; mehr braucht es nicht. Das beliebte (und bisher unveröffentlichte) Stringtanga [Text] brach sogleich das Eis und auch war glücklicher Weise Funnys Stimme wieder in Ordnung - dieses wurde ja online bei anderen Auftritten angekreidet. Aber er ist halt auch nur ein Mensch, wenngleich einer, der er schafft mit der deutschen Sprache sowohl Systemkritik in Nonsens zu verpacken, als auch neue Sichtweisen auf Alltagsdinge zu geben, die man so noch gar nicht wahrgenommen hat. Der Ausspruch "Nana Mouskuri ist auf Abschiedstournee" brachte ihm euphorischen Jubel und uns Nana Mouskuri und die ersten Fans begannen mitzusingen. Früher wirkte es ja oft, als wenn Funny das Mitsingen nicht mögen würde. Aber in den letzten Jahren scheint sich das ja geändert zu haben. Als er dann gleich den Klassiker gutes tun nachlegte, sangen sogar noch mehr mit, während den ersten Song ja noch nicht alle kannten und an den richtigen Stellen lachen konnten. Es wirkte somit schon fast wie Abend, an dem man sich in gemütlicher Runde mit ein paar (hundert) Leuten trifft und Spaß hat; denn ein paar Gesichter im Publikum kennt man ja mittlerweile ...
Die Zeile "mit Nazis diskutieren" erörterte er dann noch kontrovers, was ihm erneut positive Resonanz bescherte (genauso wie bei "warum den kein Wunder" --> "Berlin als nazifreie Zone" sowie die neue Strophe bei "Vaterland" immer Szenenapplaus bekommen). Nach unbekanntes Pferd und Groooveman, wo alle gleich in "ich bin eigentlich viel zu müde und ich müsste auch woanders sein ....." mit einstimmten und mitgrooovten gingen dann alle gemeinsam indisch essen; das tolle Lied, welches endlich!! Eingang auf ein Album gefunden hat. Anhand der Lacher konnte man erneut feststellen, wo die Leute stehen, die dieses Lied nicht kannten *g*. Die Ansage "Das nächste Stück ist auf keiner Platte drauf; die Plattenfirma meinte so ne kranke Scheiße spielen wir nicht. ... Das ist mir egal." bescherte uns das Erwachsenenpuzzle Eisbären im Mondschein. Da er auch letztes Jahr eine ähnliche Ansage bei diesem Stück tätigte, ist wohl bei allem Klamauk etwas wahres daran ... Man kann sich ja mal den Text "for educational purpose only" zu Gemüte führen und selbst entscheiden, ob das gerechtfertigt ist. Auch im nächsten Stück versteckte er hinter der gewohnt einfachen Melodie und einem spaßig angehauchten Text die Aussage "denn wer weiß, wo's lang geht und auch noch sprechen kann, der fängt irgendwann ein eigenes Leben an". Oder ich hab auch diesen Text überinterpretiert. (Wenn man genau drauf achtet, werden seine Songs auch immer härter, d.h. sind nicht unbedingt für alle Altersschichten geeignet. Ohne einzelne Worte herauszustellen, sollten Kinder doch nicht unbedingt Geschichten wie Dingficker (trotz der entschärften Zeile) und "Bundesadler" hören müssen.) Richtig ausgelassen wurde Funny dann selber bei der langen Version von schieb den Wal, jenem Lied, welches die Toten Hosen ja in ähnlicher Form als "Walsong" veröffentlichten und somit hinlänglich bekannt gemacht haben. - btw: Schrieb ich nicht letztes Jahr, dass dieser Song in der jetzigen Gesellschaft als Single n Hit wäre?! Ich wurde erhört; cool *gg*.
Als Erholungspause zwischendurch gab er nun das ruhige Stück Nebelmaschine zum besten. Leider ohne dass die entsprechende Maschine von bühnentechnischer Seite aus gezündet wurde. Vielleicht wäre das ja auch zu plakativ gewesen und vielleicht sollte man eh nicht so eindimensional denken; was hat das Lied schon mit Nebelmaschinen zu tun?! Nach dem ab dem zweiten Wort mitgesungenen Vaterland (die neue Strophe wurde übrigens auf Fanwunsch hin auf der offiziellen Seite - www.funny-van-dannen.de - im Originaltext ergänzt) überzeugten auch die anderen beiden neuen, sehr politisch ambitionierten Songs Humankapital und Steuerflüchtling. Letzteres war das erstes Stück mit einer Mundharmonika an diesem Abend. Der innere Gegensatz wurde dem Zuhörer dann beispielsweise beim auch mimisch unterhaltsamen blutige Halme gewahr, das ja auch ein neues Stück ist, aber eindeutig verstecktere Botschaften enthält - wenn überhaupt [so die negative Kritiker]. Das war es dann für diesen Abend auch schon mit den neuen Songs die sich in gewohnter Manier unter anderem zwischen Quatsch, Kommerz, Kitsch, Zeitgeist und politikwissenschaftlichen Gedankenspielen bewegen und erneut die Kreativität dieses Ausnahmekünstlers unter Beweis stellten. Bedeutungsschwangere Text mit minimalistischer Gitarrenuntermalung.
Jetzt begann das Schaulaufen mit einem Best-of-Programm seiner bisherigen Schaffensperiode, welches bei weitem nicht vollständig war. Vom bisher schwächsten Album folgte die Troika Herzscheiße (bei dem wieder alle mitsangen), Voodoo [du hast den Lichtschalter gestreichelt] und der flotteren Nummer Freunde der Realität. Danach ging es in die Vollen mit einer (diesmal) stimmigen Kapitalismus-Version und dem noch intensiveren menschenverachtende Untergrundmusik, welches wiederum alle mitsangen.
Den Zwischenrufer "Wir wollen alle mit dir schlafen!" wies er gekonnt mit "klär das mit meiner Frau" in die Schranken. Überraschender Weise stand "Hiltrud" nicht mehr auf dem Programm (der Herzscheiße-Block war halt schon vorbei), dafür endlich mal wieder der Klassiker der Fatalist, den ich persönlich ja noch nie live gehört hatte. Der Überraschungssong des Abends für mich ... und gleich im Anschluss das auch seltener gewordene ich liebe Jazz. Im Rahmen des Wunschkonzertes dann wieder für alle zum mitsingen das Arbeiterkindermärchen. Emotionen Pause machen bekam wieder einen etwas geänderten Text (erstmalig hörte ich Funny sich versingen!!) und glücklicher Weise spielte er auch ich sehe Wind. Hier wusste ich, alles wird gut ...
Bei Tarzan ist tot und alles verkauft gab es nun gar kein Halten mehr und alle die konnten sangen inbrünstig mit. Die Stimmung war am Siedepunkt. Tja und da man ja bekanntlich dann aufhören sollte, war dass das Ende des Hauptteils (23:07 Uhr) und so wirklich an eine Zugabe geglaubt hat man nicht. Nur 90 Minuten waren gespielt (ein kurzes Konzert für Funny van Dannen-Verhältnisse) aber für einen Montagabend okay. Zumal man sehen konnte, dass das lange Stehen (denn Tanzmusik ist es ja nun bei weitem nicht) für das Publikum z.T. immer schwerer auszuhalten war und einige aufgrund dessen das Konzert nicht bis zum Ende durchstehen konnten. Für all die anderen gab es in den nächsten 45 Minuten noch drei Zugaben. Und endlich rutschte ihm wieder mal ein "Merci" raus - wie in der guten alten Zeit. Homebanking war wieder was für alle und für den neuen Papst hatte er dann noch das Lied junge Christen parat.
Die zweite Zugabe befasste sich grundsätzlich mit dem Thema Frauen. Sie bescherte uns nämlich den Fanclub der Sehnsucht, viele Plastikbälle (ohne Kommentar) und Freundinnen. Aber es war noch lange nicht vorbei, da es jetzt eh schon zu spät war, um früh schlafen zu gehen, schnalle Funny sich noch seine Eurythmieschuhe um, um dann noch etwas Posex & Poesie sowie Korkenzieherlocken los zu werden. Es war einfach zu schön um aufzuhören und Funny war bestens gelaunt und voll in seinem Element. Es sah so aus, als hätte er ewig weiterspielen können. Er verzichtete jetzt sogar darauf von der Bühne zu gehen und spielte somit gleich die letzte Zugabe, wobei, wie letztes Jahr, der Eisprung das Finale war. Kurz vor Mitternacht entließ er uns alle nach 44 Liedern und exakt 150 Minuten höchst zufrieden aus seiner diesjährigen Audienz.

FAZIT: 'Wenn das Schicksal sagt ich schick dich, dann geh, am besten gleich'. Wieder einmal ist Funny van Dannen ein tolles Konzert gelungen, welches halt zufällig ein perfekter Tourabschluss war. Es war (glücklicher Weise) nicht die "Nebelmaschine"-Tour, denn er sang lediglich die gemäßigten Stücke des neuen Albums - alles andere hätten zu sehr vor den Kopf gestoßen - und ich finde, dass es so der bessere Weg war. Auch klingt Funny ohne Begleitband besser, aber diese muss er ja selber entscheiden. Weitere Pros: Seine Stimmung war toll und übertrug sich aufs Publikum; 44 Lieder!!! und dabei fast keine Fehlgriffe. Kontra: Leider gab es nur anfänglich ein paar Geschichten zwischen den Lieder, je später es wurde, je mehr spielte er einfach die Liste runter. Es fehlten ein paar schöne (Engel, Schade - Scheiße, Dolores, letzte Zigarette, Fruchtfliegen, der Fisch, ... und das mehrfach gewünschte Rod Weiler). Aber wenn er diese gespielt hätte, wären mir mit Sicherheit andere für die Liste der Vermisten eingefallen. War schon gut so und ein sehr schöner Abend.

(verfasst von l.j.)

CD-Tipp:       Groooveman (2002)
Uruguay (1999)
Melody Star (2000)

'Line-Up' der 44 Stücke:
(*=auf 'Nebelmaschine' **=am Jahresende auf 'authentic trip' erschienen)
  1. Stringtanga**
  2. Nana Mouskuri
  3. gutes tun
  4. unbekanntes Pferd
  5. Groooveman
  6. indisch essen*
  7. Eisbären im Mondschein**
  8. Nuttenauto
  9. Dingficker* (Zeile geändert)
  10. schieb den Wal** (extended)
  11. Nebelmaschine*
  12. Humankapital*
  13. Vaterland (wieder mit zusätzlicher Strophe)
  14. Steuerflüchtling*
  15. Bundesadler*
  16. blutige Halme*
  17. Herzscheiße
  18. Voodoo
  19. Freunde der Realität
  20. Kapitalismus
  21. menschenverachtende Untergrundmusik
  22. der Fatalist
  23. ich liebe Jazz
  24. Arbeiterkinderdenkmal
  25. Anita war ein Junge
  26. Schilddrüsenunterfunktion
  27. Frauen dieser Welt
  28. Emotionen Pause machen
  29. ich sehe Wind
  30. bitte mach mir ein Kind
  31. Tarzan ist tot
  32. alles verkauft
    1. Zugabe:
  33. Mädchenmusik
  34. Homebanking
  35. junge Christen
  36. Korkenzieherlocken
    2. Zugabe:
  37. Fanclub der Sehnsucht
  38. Plastikball
  39. Freundinnen
  40. Eurythmieschuhe
  41. Posex & Poesie
  42. Gwendolyn Kucharsky
    3. Zugabe:
  43. Naturfilm
  44. Eisprung

Die Lieder stammen von:
Clubsongs (1995): Freundinnen, Nana Mouskuri, gutes tun, Fanclub der Sehnsucht, unbekanntes Pferd, Naturfilm, alles verkauft
Basics (1996): Eurythmieschuhe, Posex & Poesie, Gwendolyn Kucharsky, junge Christen, Tarzan ist tot, Vaterland, Korkenzieherlocken
Info 3 (1997): Arbeiterkinderdenkmal, Eisprung
Uruguay (1999): der Fatalist, ich liebe Jazz, Homebanking, Plastikball
Melody Star (2000): Anita war ein Junge, bitte mach mir ein Kind, Mädchenmusik
Groooveman (2002): Groooveman, Kapitalismus, menschenverachtende Untergrundmusik, Schilddrüsenunterfunktion, Frauen dieser Welt, Emotionen Pause machen, ich sehe Wind
Herscheiße (2003): Herzscheiße, Voodoo, Freunde der Realität
Nebelmaschine (2005): indisch essen, Dingficker, Nebelmaschine, Humankapital, Steuerflüchtling, Bundesadler, blutige Halme
Neu: mittlerweile veröffentlicht auf "authentic trip" (2005): Stringtanga, Eisbären im Mondschein, Nuttenauto, schieb den Wal.

Alle CDs verlegt bei Trikont.

Nachtrag: Gerüchte besagen, dass zum Jahresende eine weitere CD mit den Outtakes erscheinen soll, die bis jetzt auf keine Platte gepasst hatten, aber schon mal live gespielt worden sind. Also Daumen drücken und hoffen auf: Stringtanga-King, Eisbären im Mondschein, Dolores, schieb den Wahl (extended), wenn wir uns nicht mehr lieben, nie mehr genug, junger Mann mit Zukunft, ... Neu: Ja, es gibt die neue CD!!! (siehe oben)


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