Kam, sang & siegte. - Funny van Dannen mal in der ungewohnten Umgebung des Berliner Ensembles. Von der Größe her ja ungefähr die Volksbühne, so dass er sich bestimmt dennoch wohl gefühlt hat. Die neue Herzscheiße-CD im Gepäck waren die (dieses mal eher älteren) Fans gespannt, welche neuen Geschichten und Klassiker Funny an diesem Abend vorbereitet hatte, um seine philosophischen Lebensanalysen unter das willige Fan-Volk zu bringen ...
Ohne Koffer und mit der nicht-weißen Gitarre betrat er fast pünktlich (20:36 Uhr) die Bühne und bekam da schon ordentlichen Applaus. "Hallo, könnt ihr mich hören?!", Gitarre geräuschvoll verkabeln und los ging es mit dem bekannten Nana Mouskuri, welches er in einer viel zu harten & zu schnellen Version runter riss und man den Eindruck gewann, er müsse sogleich ganz schnell wieder weg.
Dann wurde er aber ruhiger und brachte in normaler Intonation die Reminiszenz an die gute alte Zeit, als Willy Brandt Bundeskanzler war. Das sollten auch schon fast die einzigen Stücke des 95'er Debüt-Albums Clubsongs bleiben, die übrigen Werke waren neuer.
Nach der eingangs kund getanen Geschichte über den Pez-Bär, der ihn die letzten Tage am Leben hielt, folgte nun etwas amüsantes über die neueste Zahnbürste, die für die Zunge war. Die Werbung mit einem Bären, der sich erst langsam dem TV-Junkie zu erkennen gibt, stellte dann den Übergang zum seiner Ballade über ein trauriges Arschloch dar. Zu diesem Zeitpunkt war ja noch nicht abzusehen, dass auch von der CD Info 3 (1997) nur zwei Stücke an diesem Abend Platz in dem so vollgepackten Programm finden werden. Ab dem Song Schilddrüsenunterfunktion schieden sich die Geister. Die einen jubelten bei den neueren Songs schon bei den ersten paar Worten, wenn sie den Titel erkannten, die anderen lachten dann spontan während des Liedes oder gaben kurzen Szenenapplaus, wenn sie die neueren Werke bis dato noch gar nicht kannten. Somit waren alle begeistert. Die "Abnicker" fühlten sich bestätigt, während die "Neuhörer" leicht den Spuren folgen konnte, die sein Pegasus in jüngster Zeit so markant hinterlassen hat.
Jetz folgte nach dem ersten Schluck Wein (die Flasche war aber eh nur max. 1/2 voll, als er auf die Bühne kam) kam auch schon das erste unveröffentlichte Stück, was in Berlin damals schon im Weihnachtskonzert zu hören war: Erwachsenenpuzzle "Eisbären im Mondschein". Tiefenphilosophisch durch und durch, aber leichtverdaulich verpackt wie eh und je. Selbst wer es nicht verstand, wird schon aufgrund des Wortwitzes geschmunzelt haben; ebenso wie bei der Ballade über Sabrina & Dennis.
Ohrenzerquetschend schrie er dann eine abartige Version von Kapitalismus ins Mikro, wo man nur froh sein konnte, als es dann endlich vorbei war. Der "Junger Mann mit Zukunft"-Text war interessant, wohingegen das indisch essen mit Karl wieder für Erheiterung sorgte. Vor allem nachdem die Unwissenden erfuhren, warum es dieses Mal unangebracht gewesen wäre, wie immer beim Chinesen vorbei zu schauen. Der fremdbetitelte 'Elvis im Endstadium' konnte sich dann politisches doch nicht ganz verkneifen, als er meinte, bei bevor der Bundesadler Bundesadler wurde aufpassen zu müssen, nicht 'Bundesadler' mit 'Bundeskanzler' zu verwechseln. Wer diesen Text hörte überlegte also wenigstens aufgrund dessen die ganze Zeit über, ob es da Unterschiede gibt ...
Nun folgten mehr oder minder die Standards und ausgewählte Stücke (wirklich die besseren!) der neuen Platte. Die anschließend erklingenden neuen Lieder waren wieder toll und erinnerten an die Klasse von "Melody Star" oder eben der "Groooveman"-CD. Der Spagat gelang. Während das plakativ / religiös / philosophisch / esoterisch angehauchte Nebelmaschine an" viele Lacher verbuchen konnte, regte bei "Sven, der Dingficker die Zeile sind die Gedanken und Gefühle neuerdings nicht mehr frei? über das Nachdenken über so manche Doppelmoral an. Die meisten Lacher an dem Abend gab es bei schieb den Wal zurück ins Meer, was nicht nur der Auftakt zu einem Fisch-Zyklus war, sondern auch die längste Ballade, die er bis dato je verfasst hatte. Als die drei zusammengeklebten Blätter fertig abgesungen waren und es schon heftigsten Applaus gab, machte er Zeichen, dass es noch ein weiteres Blatt mit Strophen gibt (was er zwischenzeitlich vergessen hatte). Somit konnte man den Refrain schon mitsingen und man fragte sich mal wieder, warum Funny keine Singles auf den Markt wirft. Denn diese würde sich extrem dafür anbieten. Das Highlight der Show.
Nach einer handvoll der üblichen Verdächtigen gab es wieder die aktuelle zusätzliche Strophe zu Vaterland, während die Deutschen ja Grönemeyer so gut finden. Die Silberfischgeschichte und seine Mundharmonika holte er dann für die Frauen dieser Welt heraus, dicht gefolgt von den besten zwei Minuten, die er bis dato geschrieben hat: ich sehe Wind. Nach eine Variante von Emotionen Pause machen gab es dann endlich den Titeltrack zur Tour. Spätestens um 22:13 Uhr befassten sich alle Anwesenden, so sie denn den Kopp ansonsten frei hatten, wieder einmal mit Herzscheiße. Billige Räusche, der zukünftige Klassiker Hiltrud, sowie die schlecht intonierte Version von Freunde der Realität bildeten neben den umjubelten Klassikern (wie z.B. Homebanking und Uruguay) den Abschluss des Hauptprogramms. Nach der Beschreibung des Urbanhafens, auf den heftigster Applaus folgte, war der Hauptteil wieder einmal viel zu schnell vorbei. Wie schnell 132 Minuten vergehen können; Wahnsinn.
Unter herzlichstem Applaus gab er sogar noch eine kurze Zugabe, wobei er uns wieder nicht mit dem Plastikball verschonte. Ich glaub, mit dem Stück werd ich nie gut Freund, aber das gehört wohl, ebenso wie das Gefasel über das Hochhaus, zu den Fan-Faves. Jedenfalls gab es viel zu viel Applaus für diesen Sch... aber mit dem Eisprung schafft er es wieder zu versöhnen und um 10 vor 10 entließ er sich aus dem Kreis der restlos begeisterten Fans, die dennoch minutenlang begeistert die leere Bühne beklatschten. - Ende gut, alles gut.
FAZIT: 'Billige Räusche, hartes Verlange; so viele Jahre sind vergangen. Und das ist gut so, mach kein Geschrei, denn nur so geht alles vorbei ...'
Wieder ein überaus berauschender Abend mit überraschend vielen neuen Stücken. Da die neue CD ja nicht komplett supertoll ist, tat er gut daran auch nur die besseren der 22 Stücke zu spielen. Hoffentlich gibt es die neu gespielten auch irgendwann auf CD! Die Stimmung im Saal war gut und dieses mal war es auch nicht zu warm, wie es ja im Sommer 2003 der Fall war. Er war vielleicht nicht ganz so toll aufgelegt (Rosenmontag), aber war begeisternd genug, um mitzureißen. Er spiele enorm viele Stücke, wobei jeweils 8 von den letzten beiden Alben waren (und beinahe ebenso viele unveröffentlichte Lieder!). Schon Wahnsinn, wie viele Stücke er in den mittlerweile 10 Jahren veröffentlicht hat. Jedes der 7 Alben war mit mindestens 20 Liedern bestückt, so dass er auf die stattliche Summe von über 130 zumeist genialen zeitgenössischen Gedankenergüssen kommt, die für die Nachwelt erhaltenswert sind. Es ist gut, dass es ihn gibt und entgegen dem Strom auch mal inhaltlich gehaltvolles aus deutschen Landen kommt.
(verfasst von l.j.)
'Line-Up' der 41 Stücke:
(*='Herzscheiße'-Album **=auf keiner offiziellen CD)
- Nana Mouskuri
- als Willy Brandt Bundeskanzler war
- trauriges Arschloch
- Schilddrüsenunterfunktion
- Eisbären im Mondschein**
- Stringtanga**
- Kapitalismus
- junger Mann mit Zukunft**
- indisch essen**
- Bundesadler**
- in meinem Auto*
- manchmal*
- Voodoo*
- Rod Weiler
- menschenverachtende Untergrundmusik
- Nebelmaschine**
- Nuttenauto
- Dingficker**
- a) schieb den Wal**
b) Gedicht: die Fischefrau** - der Fisch
- Eurythmieschuhe
- a) Tauben*
b) Gedicht: Kati** - gutes tun
- Anita war ein Junge
- Vaterland (erneut mit neuer Strophe)
- Frauen dieser Welt
- ich sehe Wind
- Emotionen Pause machen
- Vladimir Putins Cousine
- Herzscheiße*
- billige Räusche*
- Hiltrud*
- Uruguay
- Hochhaus
- Freunde der Realität*
- Homebanking
- bitte mach mir ein Kind (teilw. geänderter Text)
- Urbanhafen
Zugabe:
- jeder braucht zwei*
- Plastikball
- Eisprung
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