"get lucky tonight"-Tour // 22.07.2004 // Tempodrom, Berlin
gute Laune & Ballons
Melissa Etheridge, die Vorzeige-Rockerin, wenn es um die Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Paar geht, gab im Rahmen ihrer Tour zum aktuellen Album "Lucky" auch ein Gastspiel in Berlin. Die seit dem 20.9.03 mit Tammy Lynn Michaels verheiratete ist dadurch wieder 'lucky' und zeigte das auch bereitwillig dem begeisterten Publikum. Der Name der Tour war somit Programm und 20:08 Uhr betrat sie nach ihrer Band (Gitarre, Bass, Drums) die spartanisch dekorierte Bühne des ca. halbgefüllten Zeltes mit den Worten "are you ready to get lucky tonight?!".
Als Opener gab es somit "selbstverständlich" lucky (lucky, 2004), ihren aktuellen gute Laune Song, den das Publikum begeistert aufnahm. Apropos: Publikum. Klar war, dass bei Melissa vorwiegend Lesben im Publikum sein würden, aber dass diese auch zumeist so klischeehaft gekleidet sind, wie man es aus 90'er Jahre-Fimen kennt, hätte ich nicht gedacht. Wie dem auch sei, es hatten alle ihren Spaß für diese zwei Stunden mit Melissa und das war die Hauptsache. Das Publikum war engagiert und glücklicher Weise gab es mal keine Rangeleien oder sinnloses Geschubse (die Songs hätten das zwar hergegeben, aber das muss ja nicht sein). Und gleich der erste Applaus nach dem Opener zeigte, dass sich ihre ehrliche Art bezahlt gemacht hat und sie sich im Laufe der Jahre eine treue Anhängerschaft erspielt hat. Es fiel nicht mal auf, dass die Halle bei weitem nicht ausverkauft war (um ehrlich zu sein war ich schon bei Konzerten die voller waren, aber die Fans bei weitem nicht so laut). Die Frau hat es einfach drauf! Nicht nur, wie sie es versteht das Publikum leicht für sich zu gewinnen, sondern auch die Art der Show. Wie man sich ja schon im Internet anhand diverser Setlisten informieren konnte, wird der überwiegende Teil der Songs für jede Show extra so zusammengestellt bzw. lagen Zettel aus, um sich Songs von Melissa zu wünschen. (Wann hat man dazu schon mal die Gelegenheit bei einem Konzert?) Aber zurück zur Show.
Nach der Begrüßung ging sie gleich auf die Luftballons ein (und die Lichter und die Farben und ... *g*) und stellt ihren Bassisten als "Mr. Balloon" vor.
Mit I want to come over (yes I am, 1993) hatte sie dann auch die letzten Leute im Saal musikalisch überzeugt. Das Konzert war noch nicht mal 10 Minuten alt! (So es möglich ist, steh ich ja bei Konzerten immer lieber vorne. Denn n Sitzplatzkonzert ... . Aber für jeden das, was sie/er mag. Somit kann ich jetzt auch nicht für die "Hintensitzer" sprechen, aber die "wahren Fans" sind wirklich schnell aufgetaut und spätestens bei eben diesem ersten Klassiker von Melissas positiver Energie überzeugt worden und machten bis zum Ende mit.)
Ne handvoll Wünsche konnten nicht realisiert werden. Meiner Meinug nach aufgrund legale Ausreden, a la "Well, I don't think I have written this song?" oder "There's someone missing up here." (als ein Duett von ihr mit Bruce Springsteen als Wunsch kam). Als Entschädigung gab es dann anstatt dem Boss breathe, welches auch gerne angenommen wurde. Insgesamt wirkte sie wirklich gut gelaunt und war in Erzähllaune. Unter anderem stellte sie "überrascht" fest, dass sie erstmalig in einem Zelt spielte (Indianerinnen aber schon länger mag) und war begeistert, dass sogar Leute aus Irland da waren. "I come to Berlin more often" stellte sie dabei fest (aber war sich scheinbar nicht mehr bewusst, dass sie 1996 im Rahmen der 'Live...and Alone'-Tour auch schon in diesem Zelt auftrat).
Wie textbeflissen ihre Fans waren konnte man gut bei similar features vom 1988er selbstbetiteltem Debüt Melissa Etheridge wunderbar erkennen. Kaum wurden die ersten paar Noten gespielt ging ein Aufschrei durch die Menge gefolgt von: "Go on and close your eyes go on imagine me there. She's got similar features with longer hair. And if that's what it takes to get you through, go on and close your eyes it shouldn't bother you". Gänsehautatmosphäre zum ersten. Lover please vom sehr persönlichen skin-Album (2001) war für mich ja überraschender Weise im Programm, aber beim Refrain, den die Fans lautstark mitsangen & mitklatschten, war es schon fast "holzfällerrhythmusmäßig" wie bei Bryan Adams und alle Melancholie des Songs weggewischt. Denn traurig musste an diesem Abend keiner der Anwesenden sein. Das spontane Wechselspiel zwischen ihr und den Fans bei let me go ("oh, no!") (mit einem tollen Gitarrensolo) veranlasste sie anschließend zu der Äußerung, dass das manchmal ihr letzter Song des Abends war. Prompt handelte sie sich die einzigen Buhrufe des Abends ein, konnte aber mit "but not tonight" erneut punkten und die Welt war wieder in Ordnung.
Wenig später stellte sie fest, dass Halbzeit der Show wäre und sorgte erneut für Lacher und Begeisterung ihrer Anhänger, als sie "bad balloon ... it must go" und erneut "I guess I'm easily entertained" raushaute. Ihre Ansage "a song from the new album *Applaus* about this feeling right now ..." ließ ja nicht viele Spekulationen offen und es folgte wirklich der erste 'offizielle Kuschel/Schmusesong' des Abends. Und fast alle taten es dann auch this moment.
Zum zweiten Mal Gänsehaut überkam mich, als es später wieder ruhiger wurde. Die Band legte ne Pause ein und Melissa nahm am währenddessen zentral aufgebauten Klavier platz. Als emotionales Highlight folgte dann der Leckerbissen sleep while I drive. Um das Gefühl zu bewahren oder eventuell sogar noch zu steigern, ging es genialer Weise sogleich mit meet me in the dark weiter. Vielleicht ist das ja der legitime Nachfolger, aber ich wüsste nicht, welchen Song der beiden ich lieber mag. Beide zu spielen war das Beste *g*. (Und es ist egal, ob es um ein Mädchen aus Kansas geht, oder beim Hören ein Mann in England sag "ja, genau das fühle ich".)
Danach ging es zielstrebig Richtung Finale. Zum Mitklatschen lud dann brave & crazy (vom gleichnamigen '89er Album) ein, welches mit I'm the only one selbstverständlich noch gesteigert werden konnte. Dieser Song alleine ging ja schon über 8 Minuten, aber dann hieß es durchhalten. Denn anstatt sich noch einmal kurz zu erholen kam ein musikalischer & textueller! nahtloser Übergang zu ... bring me some water. Inklusive der Bandvorstellung und den dazugehörigen Solos waren somit schon fast 20 Minuten rum. Aber es ging gleich weiter mit like the way I do. Alles in allem eine der anstrengendsten 30 Minuten, die man als Fans so erleben kann. Viele hätten sich am liebsten auch Wasser bringen lassen. Wenigstens gab es aber ne kurze Verschnaufpause, denn die Bühne war nach der Gruppenverbeugung leer. (Aber es wurde sofort! nach einer Zugabe gerufen.)
Als diese dann kam, gab es für mich sogar noch eine Überraschung. (Nein, nicht das Konfetti *g*.) Denn nachdem der Gitarrist sich in einem mehrminütigen Solo verausgabte, meldete sich Melissa zurück. Der letzte Song sollte einer sein, der hier (in Berlin) entstanden war. Zu 1989, dem Mauerfall, als Melissa den Checkpoint Charlie besuchte und zufällig am geschichtsträchtigsten Ort dieser Tage war. Somit wurde es doch noch politisch, als sie ihre Gedanken zur gegenwärtigen Weltsituation der Amerikaner erzählte. Anyway. Die letzte Verlautbarung war dann, dass ihr der Abend viel Spaß gemacht hat und sie genau weiß, was ihre Fans für sie sind "you're all giants". Dem war nichts mehr hinzuzufügen und alle machten dann bei der offiziellen Tour-Zugabe giant noch einmal mit. Wie schnell doch zwei Stunden guter Laune vergehen können.
FAZIT: 'we have seen how lucky, Lucky can be ...'
Ein Konzert, was mich durch und durch positiv überrascht hatte und bei mir für immer in bester Erinnerung bleiben wird. (Egal was Morgenpost-Kritiker über diese Konzert schreiben ;-).) Ich kannte zwar nicht alle Songs (darum auch n paar Fragezeichen in der Setliste, wo ich mir nicht 100%-ig sicher bin), wurde aber von allen präsentierten Stücken überzeugt. Mittlerweile hab ich mir darum einige CDs von ihr nachgekauft. Melissa/Lucky war bestens gelaunt und kommunizierte auch viel mit dem Publikum zwischen den einzelnen Songs. Die Akustik war nahezu optimal und die Stimmung der Fans vor der Bühne besser, als ich erwartet hatte. Von der Setliste war ich zumeist angenehm überrascht. Hätte nicht gedacht, dass sie so viele ältere Stücke spielt v.a. die von 'Skin'. Dadurch kamen zwar leider die neuen Songs etwas zu kurz (nur 5 der 13), aber dafür dann auf "sleep while I drive" oder "similiar features" verzichten zu müssen wäre "tragischer" gewesen. Alles in allem die beste Setliste, die ich von dieser Tour bis jetzt finden konnte. Zumal es ja eher kurios für eine Tour ist, die Setliste immer wieder umzustellen, um jeder Stadt was neues zu bieten. Nur ca. 6 Songs sind pro Land gesetzt, der Rest ein irgendwie gearteter "Random-Choice". Einmalig; selbst ein Bruce Springsteen gibt sich da nicht so viel Überlegungen hin.
Was dadurch an Songs gefehlt hat? Nun, ich kenn ja nicht alle, somit hätte sie vielleicht bei mir noch mit "occassionally" oder "scarecrow" punkten können oder dem ein oder anderen von 'Lucky'. Gern gehört hätte ich ja "down to one" und "the weakness in me", aber solche traurigen Lieder hätten nicht zur Gesamtstimmung des Abends gepasst. Außerdem gibt es ja dafür die "live ... and alone"-DVD zum immer wiederhören. Und ab September dann außerdem die neue Live-DVD, wo man noch mal in Erinnerungen schwelgen kann. Wäre das nicht ihre (wahrscheinlich) letzte Tour gewesen, hätte ich mal einen Tipp ausgesprochen. Aber so bleiben wohl nur diese tollen Erinnerungen an einen wunderschönen Abend. Leider ohne Erinnerungsphotos. Aber ich war ja selber Schuld, den Photoapparat offensichtlich mit in die Halle nehmen zu wollen. Drinnen blieben die ca. 10 von mir (und allen anderen, inklusive der Security!) gesichteten Photoapparatbediener von der Sicherheitsabteilung unbehelligt. Also DAS nenn ich konsequent! (Oder um es mit den von Ulrich Wickert aufgegriffenen Worten zu sagen: der Ehrliche ist der Dumme. Que sera.)
(verfasst von l.j.)
CD-Tipp:
Melissa Etheridge (1988)
lucky (2004)
yes I am (1993)
19 gespielte Songs: (*=Songs des aktuellen Albums)