Funny van Dannen

25.04.2007 // Postbahnhof, Berlin // Lesetour "zurück im Paradies" [Zusatztermin]

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Ticket

ein tierischer Abend mit dem Beinahe-Papst Funny I.

Vor Jahren überlegt ich, dass wohl auch das Zuhören von Funny van Dannen beim repetieren des Telefonbuches einen unterhaltsamen Abend garantieren würde. Da nunmehr ein weiteres Buch des multitalentierten Künstlers erschienen ist, lauschte ich (in Ermangelung anderer Alternativen) seinem unvertonten Gedankenmaterials.

"Ich wollte schon immer, dass es in Berlin wärmer wird - ein Prost auf den Klimawandel!" - Sprach’s und verkostete 21:15 Uhr den ersten Schluck Wein des Abends. Funny war zurück, wenngleich dieses Mal 'lediglich' auf einer Lesetour zum aktuellen Buch "zurück im Paradies". Aber es gibt Hoffung für die Entwöhnten, denn laut eigenen Angaben wird er wahrscheinlich im Herbst wieder zur Gitarre greift und nach dem dann überlebten Sommer die Republik mit Liedern einer neuen CD erheitern. Denn vorerst bleibt er seinen Fans als Künstler erhalten, da es wider seinen Erwartungen leider doch nicht zum Papst gereicht hatte. Zumindest für uns also kein Pech im Glück.

Dieser einleitenden Papst-Geschichte schloss sich ein interessanter Abend mit dem Neuesten aus dem Tierreich an. Der ausverkaufte Raum erfuhr Kurzweiliges von Rotkelchen, Geflügel, Zirkushunden, Cityeulen, Potwalen, Löwen, Hühnern, Elchen, pinken Flamingos, Kaulquappen, Elefanten, Wanderpandas und sonstigem Getier. In knapp zwei Stunden las er somit wohl das Gros des neusten Werkes, welches ich spontan als die beste Sammlung seiner bisherigen Kurzgeschichtenzusammenstellungen betiteln würde. (Selbstverständlich waren nicht alle Geschichten hervorragend, aber bezüglich des Qualität-Quantität-Verhältnisses okay.) Selbst der dieses Mal hohe Anteil von Tiergeschichten störte nicht. Zwischendurch lockerte der Mann mit dem Gespür für die skurrilsten Gedankenstrangverendungen mit spontan wirkenden Einwürfen die Veranstaltung auf, so dass es keine reine Vorlesung war. Von dieser Strategie könnten sich so manche Uni-Professoren eine dicke Scheibe abschneiden.
Zur halbstündigen Pause nach gut 50 Minuten gab es beinahe einen unrühmlichen Abgang von der Bühne, aber die Erholungsphase reichte anscheinend aus, um Schlimmeres zu verhindern.

Funny van Dannen

In der zweiten Runde, nunmehr ohne das aggressive rote Licht auf des Künstlers Pult, gab es ein Zwischenspiel aus mehreren Gedichten, die - Lyrik entsprechend - jeweils lediglich kurz abgenickt werden sollten. Leider brachte Funny wirklich keine Gitarre mit, blieb aber auch ein Alibi nicht schuldig, als er verschiedene Pollenallergiereduzierungsobjekte aus seiner Jackettasche zu Tage förderte. Mittel, die ihm helfen den Frühling zu überleben (da ist an Singen schon mal gar nicht zu denken).
Die Reis-Mais-Adoptivelterngeschichte, das Highlight der zweiten Halbzeit, brachte ihm verständlicher Weise die meisten Lacher ein.
Mit der Deutschlandsache verabschiedete er sich 23:40 Uhr von seinen treuen Fans, die ihn herzlichen Abschiedsbeifall spendeten und wohl das nächste Heimspiel auch nicht verpassen werden.

Fazit: Diese Vorlesung am Abend, erquickend & labend. Über zwei Dutzend Geschichten und 9 Gedichte in knapp 120 Minuten. Optimale Zeitausnutzung. Man wurde gut unterhalten und zum Mitdenken verführt. Selbst ohne ggf. einen tieferen Sinn in die Geschichten hineinzudeuten und mittels allegorischer Vergleichsparabeldiagnostik des Pudels erbrochene Knochen bzw. dessen Kern zu finden, war diese späte Vorlesung überaus kurzweilig.

Nachtrag: Lobenswert war die Ausstattung des Auditoriums mit Stühlen, welches sehr sinnvoll war, um sich nicht die Beine in den Bauch zu stehen. Aufgrund der geringen körperlichen Bewegungen der Besucher war die Durchlüftung gewährleistet und man knackte nicht aufgrund der schlechten Luft weg.
Dennoch gibt es auch zwei Kritikpunkte an diesem Abend. (Und damit meine ich nicht den Grasgeruch der zur Halbzeitpause den Saal flutete.) Zum einen waren meinem Erachten nach die Eintrittskosten für eine Vorlesung etwas zu hoch (ja, ich weiß, es gibt auch viel teurere Lesungen & zum anderen muss man ja nicht hingehen). Alles wird bekanntlich teuer, und die 2001er Konzertpreise für Funny von 10 Euro sind heutzutage nicht mehr möglich, aber für das bloße Ablesen (wenngleich nahezu fehlerfrei) ...
Idiotischer fand ich aber das, lediglich in Ausnahmefällen freundliche Hinweisen der Security, auf das Fotografierverbot. So etwas find ich albern. Kann mir nicht vorstellen, was man sich von einem sitzenden Menschen großartig geheimes abgucken kann. Bei Konzerten sind ja einige Künstler eigen (was ich für Personen des öffentlichen Interesses aber nicht verstehen kann, da das zum Beruf des Stars einfach mit dazu gehört, selbst wenn sie Stammfotografen haben) aber an diesem Abend fand ich es unnötig. Vielleicht erschließt es sich mir eines Tages, wenn ich einmal eine ordentliche Begründung für dieses Theater erhalten sollte.
Die Dreistigkeit an diesem Abend war jedoch, dass es weder auf dem Ticket vermerkt war, noch die Möglichkeit für den Unwissenden, der seine Kamera mit dabei hatte, gab, diese einschließen zu lassen bzw. sicher abzugeben. Die lapidare Begründung eines Einlassers war, dass man sich ja im Bahnhof einen Schrank für die Dauer des Konzertes anmieten kann. Frechheit! (Das Opfer durfte aber wohl noch dankbar sein, dass er mit dem bereits eingelösten Ticket erneut die Halle betreten durfte und nicht noch eine Karte nachkaufen musste ...)

Text: l.j. + Bild: r.n. - www.el-jay.de
die Geschichten:
01. das Sonntagsfrühstück
02. schade
03. die Demo
04. die Weiterbildung
05. Groupie
06. Evolution
07. die stille Frau
08. der Abschied
09. Sonntagnachmittag
10. Kultur
11. unglaublich
12. die letzte Station
13. Wanderpanda
-Pause-
14. nach China
15. (Elefantentierpfleger)
16. die Afrikageschichte
17. Melvins Mutter
18. Tante
19. Gedichte: Glückwunsch / Vorfrühling / im Traum / Herbst /
      Verliebte / ich im Raum / das Glück / zum Leben / Repeat
20. Pech im Glück, Spiel in der Liebe
21. die Bestimmung
22. Geflügel
23. die Adoptiveltern
24. das tote Tier
25. Heilgarage
26. Nieswurz
27. die Deutschlandsache