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stories

Berlin, 25.11. 2003

Wollen Sie das Publikum fragen?

Dienstag. Das wird ein Dienstag wie jeder andere. Das dachte ich am morgen dieses Dienstags. Nun sieht das alles ganz anders aus. Ich sitze in der Mensa, schlürfe genüsslich meine Müllermilch, Geschmacksrichtung Blutorange, und verfasse einige Mails, während ich auf den Beginn meines Praktikums warte. Freistunden können ja so entspannend sein.

Wenn da nicht drei Mitstudenten - ich möchte sie mal als Klappspaten bezeichnen - am Nachbartisch säßen und an einem Notebook, dessen Lautstärke so eingestellt ist, dass es sogar Baustellenlärm überdecken könnte, ein Spiel zu begreifen versuchten, dessen Handlung sich stark an dem sinnbefreiten Frage-Antwort-Geplänkel eines Günther Jauchs zu orientieren scheint. Der Sinn dieses Spiels besteht wohl darin, sich durch das Vortäuschen von durch Scheinwissen genährte Fakten und Beantwortung von Fragen diesbezüglicher Art möglichst viel Geld in die eigenen Taschen zu schaufeln. Das klingt ja kaum so, als würde es das Lampenfieber vor und das dämliche Gequatsche des Moderators während der Sendung nicht ausgleichen, aber wo besteht bitte der Sinn, während der Mittagspause sinnlose Fragen der Art "Wie lange dauerte der 30-jährige Krieg und warum war er nicht länger als 23 Jahre?" ohne Aussicht auf eine große Menge Geld zu beantworten? Erklären Sie es mir. BITTE!

Da ich immer noch krampfhaft versucht bin, diese Mails auszuformulieren, fühle ich mich nicht wenig genervt, nach jedem fünftem Wort durch diesem verkorksten absteigenden Fünfklang "da-dadada-da", der wohl eine neue Runde einleitet, abgelenkt zu werden (wer es kennt, weiß, wie es nervt. wer nicht, ist gesegnet). Konzentration war nie meine Schwäche, aber da die drei Gurken wohl vorhaben, die gesamt Mensa nebst deren Insassen damit zu unterhalten, sehe ich mich nicht imstande selbst dieser - eigentlich simplen - Tätigkeit nachzugehen.

In meiner langsam immer höher schäumenden Wut erblicke ich den mittlerweile geleerten Becher der Müllermilch-Produktes. Nach der Besinnung auf den einwöchigen Origami-Schnellkurs, den ich an der Abendschule besucht hatte, begann ich, aus dem Becher eine Waffe zu falten, die sich vor einer handelsüblichen Pumpgun nicht verstecken brauche. Nach nur wenigen Sekunden war meine Schöpfung soweit, das Leben aus jedem Individuum zu hauchen, auf das ich es richten würde. Blieb nur die Frage nach der Munition, die sich aber schnell von selbst beantwortete, als ich den kleinen Kaktus auf dem Tisch entdeckte, dessen Verteidigungsinstrumente ich ihm jeden einzeln heraus riss, um meine Milch-Pumpgun langsam, aber kontrolliert zu befüllen - *klack*klack*klack*.

Voller Inbrunst lege ich langsam auf den Mittleren an, welcher natürlich noch nichts von seiner baldigen Erlösung von seiner aktuellen Tätigkeit ahnt. Mein Zeigefinger krümmt sich um den Abzug, der aus dem kunstvoll gefaltetem Aludeckel besteht. Das Gesicht von Dieter Bohlen, das seit geraumer Zeit alle Getränkeverpackungen dieses Herstellers ziert und somit verhindert, dass ich ohne ein Mindestmaß an Ekel direkt aus der Packung trinken kann, ist noch zu erkennen.

Als ich den Druckpunkt erreicht habe, ergießt sich ein riesiger Schwall von Kaktusnadeln mit der Wucht eines afrikanischen Sandsturms über das anvisierte Opfer, nicht ohne auch sein Notebook mit einem gleichmäßigen Muster aus Löchern und Kaktusprimärwaffen zu versehen. Der Getroffene sinkt mit einem Ächzen auf sein Notebook nieder und bleibt dort - kreative Blubbergeräusche von sich gebend - liegen, während seine Tastatur jeden Tropfen Blut, der sich aus seinen zahlreichen Wunden seinen Weg in die Freiheit bahnt, geduldig in sich aufnimmt. Ja! Von der Gurke in einem Schritt zur Blutorange!

Die beiden anderen schauen mich mit großen Augen an, in denen man förmlich "was wird mit mir?" lesen kann. Keine Sorge, ihr kommt auch noch dran! Alles läuft wie in Zeitlupe ab. Ich lasse meine nun leider nutzlose Joschka-Fischer-Pumpgun fallen und ergreife mit einer Geistesgegenwart, auf die ein Buddha-Mönch neidisch gewesen wäre, den mannshohen Kaktus, der gleich neben der Säule steht, an der ich sitze, am unteren Ende, um eben diesen mit einem Schwung, bei dem sich Tony Hawk ins 19. Loch zurückgezogen hätte, erst in die Leistengegend des einen zu rammen, um darauf den Kopf des letzten so mit der stachligen Schlagwaffe zu modellieren, wie es nur Thor mit seinem Hammer gehaltvoller gelungen wäre.

Mein Werk betrachtend - merklich entspannter als zu Lebzeiten dieser Kaktusopfer - beschließe ich, meine Mails woanders zu Ende zu schreiben und verlasse unter den geschockten Blicken der anderen Besucher die Räumlichkeit. Durch die zu schwingende Glastür sehe ich noch, wie der virtuelle Jauch zur Frage ansetzt, ob der Kandidat nicht das Publikum befragen wolle. Ich formuliere es mal so:

DAS PUBLIKUM HAT GEANTWORTET!

scripts

Algorithmen zum Aufzählen und Abzählen (Rothe 2004/05)

Mathematik 1 (Roczen WS2003)

Mathematik 2 - Lineare Algebra (Recke SS2003)

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