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2005-03-09
(C) Guido Draheim
guidod@gmx.de

 
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Sacco auf Masz

Ich bin sportlich gebaut. Das mag einerseits gut sein, aber man passt in keine klassische Kleidung von der Stange. Letzten Endes kam der Entschluss, nach einer günstigen Möglichkeit zu fahnden, ein Sacco auf Masz schneidern zu lassen. Und die gibt es.

Vorgeschichte

Wenn man sportlich ist, dann steht einem sportliche Kleidung. Aber leider ist man darauf auch ziemlich beschränkt, was jedoch wiederum oft einen billigen oder gar prolligen Eindruck macht. Auch wenn man sehr modebewusst ist, stapeln sich zwangsläufig in meinem Schrank die Teile von Uncle Sam, Alex, Schöffel bis Tomy Hilfiger. Deren Kleidungsschnitt passt schlicht häufiger als etwa Boss oder Esprit, oder gar jener mit Basis des "DIN" Kleidergrössenmodells.

Gerade diese genormten Kleidergrössen gehen vollkommen fehl. Manchmal passt mir bei T-Shirts auch eine 50/52 (L), aber gerade bei Saccos ist eher der Schulterschnitt entscheidend. In eine 52 passe ich noch nicht mal rein, und weiter kneift es immer irgendwo. Erst ab 56/58/60 (XXXL) hat man noch Chancen, dass man genügend Bewegungsfreiheit hat, aber wie das dann um die Hüften schlabbert, das könnt ihr euch sicherlich vorstellen.

Es ist einfach grausam - jene Saccos von der Stange in meinem Schrank führen mehrheitlich getragen zwangsläufig zu jenem Eindruck, den ihr von Türstehern kennt: die Muskeln drücken sich sichtbar durch, und bei der kleinsten Bewegung spannt es dermaszen, dass man fürchten muss, dass der Stoff bricht. Und dabei bin ich beim besten Willen nicht austrainiert, kein Muskelprotz oder ähnliches, es ist halt einfach mehr als Durchschnitt - und es gibt viele, denen es ähnlich geht. Vielfach ist die klassische Kleidung modelliert auf schmale Teenager, die mit zunehmenden Jahrzehnten langsam breiter und gleichzeitig dicker werden, mal mehr mal weniger.

Suche und Erkenntnis

Nun habe ich also ein paar Saccos von der Stange im Schrank, aber sie passen nicht so richtig. Auch wenn es wenige Anlässe gibt, zu denen man klassische Kleidung typisch trägt - wenigstens für ein Vorstellungsgespräch will man schon in einer angenehmen Form aufwarten. Bei vielen anderen Anlässen kann es einem ja auch egal sein, ob man aussieht, wie ein Türsteher, der von der Leine gelassen wurde. Aber bei Bewerbung um eine Stelle mit intellektuellem Anspruch, da sieht das anders aus.

Also bin ich durch so ziemlich alle Kleiderabteilungen dieser Stadt gelaufen, und habe dabei bestimmt hunderte Male dagestanden, ein Sacco übergestreift, in den Spiegel geschaut, und wieder weggehängt. Es ist ernüchternd, und es setzt sich die Erkenntnis durch, dass es für mich schlicht keine Kleidung von der Stange gibt - Schlussfolgerung: man muss sich wohl oder übel einen Anzug auf Masz schneidern lassen.

Dies ist auch darauf gegründet, dass man auch sehr sportliche Menschen in den Medien sieht, die in sehr gut sitzendem Sacco dasitzen. Sehr beeindruckend für mich, als Arnold Schwarzenegger im Interview dasasz, durchaus wild gestikuliert hat, und die Kleidung sah einfach immer passend aus. - Schlussfolgerung: ein Sacco auf Masz wird passen.

Die übliche Maszschneiderei jedoch ist teuer. Bei Armani, der in seinen grossen Filian über tausend Modelle bevorratet, da kann man schon mal 1200euro anlegen. Nunja, dafür kann man hierzulande schon ein Auto kaufen. Also, schreckt man vor dieser "Investition" zurück, immer und immer wieder, Jahr um Jahr.

Doch eines Tages sah ich eine "bizz" Sendung, die über eine spezialisierte Firma sprach, die Maszkonfektion im Massendurchsatz zu Preisen anbot, die regelmässig die Hälfte und weniger ausmachte, als die bis dahin von mir erwarteten 700euro. Stimmt das?

Dolzer und Co

Ich notierte mir den Namen "dolzer", und als ich Jahre später arbeitslos ward, erinnerte ich mich daran - da wollte ich doch mal hin. Ganz klar, ich schaute mich erstmal noch bei anderen um, und im "B5 Outlet Center" bei Berlin gab es eine Menge zu sehen und anzuprobieren. Doch wie erwartet passte mir davon nichts. Aber ich hatte einen gewissen Eindruck, was mir vermutlich passen könnte - denn mein Interesse für die Möglichkeiten klassischer Kleidung war bis dahin doch sehr begrenzt.

Es ist also März 2005, und es ist soweit. Ich schaue mir auf die WWW-Seite von www.Dolzer.de, aber so richtig vorstellen kann ich mir nicht, was mich erwartet. Aber die dort angegebenen Preise von 149euro bis 330euro sind mehr als attraktiv - denn hey, die guten Saccos von der Stange im B5 Outlet Center kosteten ja schon soviel. Zweifelnd fragt man sich: ob das stimmt? Oder hat man da nur die "Basiskosten" gerechnet, wie wir es von so vielen Werbebeschreibungen kennen?

Am 07.03.2005 war es dann soweit, auf der Rücktour von meinem ehemaligen Arbeitgeber in Spandau fuhr ich da vorbei, Adresse Franklinstr 12a. Ich wusste nur, dass einige Gebäude der TU sich in der Franklinstrasse befinden, aber es lag dann doch am anderen nördlichen Ende, in der Nähe der Gotzkowskybrücke. Vom Gebäudebild, dass ihr auf der Website bei dolzer seht, solltet ihr euch nicht foppen lassen: es ist ein roter Industriebau der Gründerjahre mit mehreren Hinterhöfen. Ihr müsst durch die Tordurchfahrt, und direkt nach der Durchfahrt links abbiegen und einen Parkplatz suchen.

Die ersten zwanzig Parkplätze da sind auch ausgewiesen "Nur Für Kunden von Dolzer". Dann zurück, und rechts neben der Tordurchfahrt die grüne Eingangstür - ein kleines Schild an der Tür verweist auf Dolzer. Jetzt nochmal nicht wundern, es steht "Dolzer im 1.Stock", aber die halbe Treppe hoch ist erst das "Zwischengeschoss Z". Dort müsst ihr trotzdem rauf, weil da der Fahrstuhl ist - einsteigen, ein Stockwerk hochzuckeln.

Wie isses denn da

Schockschwerenot. Man kennt ja so einige Verkaufsräume für klassische Kleidung, mit teils hunderten Saccos an den Wänden, auch zwei Reihen hoch die Schränke. Dem ist auch bei den meisten Schneidern für klassische Kleidung so, und genau das gibt es hier nicht. In echt, sind die beiden Stirnwände der Werketage leer, ebenso wie die grossen Fensterpassen längs. Der Raum erstrahlt in hellem warmen Licht mit viel Platz zwischen... Schränken, in den quadratische Stofffetzen an Bügeln aufgehängt sind.

Ich bin irritiert. Die beiden Verkäufer sind beschäftigt, und es dauert eine Weile, bis ich die kleinen Schilder entdecke, die mir eine Ahnung geben, wie der Verkauf hier organisiert ist. Das Grundprinzip läuft also so: der Käufer wählt einen Stoff aus den langen Reihen aus. Ein paar Puppen in der Mitte zeigen die Grundform des Anzugschnitte, also Zweiloch-Sacco, Dreiloch-Sacco, Zweireiher. Beides braucht man, geht zum Thresen, gibt seine Wünsche bekannt, und wird dann bei Bedarf (also bei Erstkunden) nach hinten zum Masznehmen geschickt. Einige Wochen später kommt man zur Anprobe.

Nun, das ist klar zuuuu einfach. Wie soll ich denn wissen, was ich will, und was mir steht? Zum Glück hatte ich ja schon vorher die Verkaufsläden durchstöbert, hunderte existenter Saccos von der Stange anprobiert - wer sich den langen Weg sparen will, der sollte ins B5 Outlet center fahren, und sich was ausgucken. Was es da nicht an Formen, Farbideen und Stoffarten gibt, das gibt es bei Dolzer erst recht nicht: die verfügbaren Grundschnitte sind begrenzt, neben den Klassikern gerade mal zwei Stehkragenstile für ländlich/indische Form.

An möglichen Stoffe sind natürlich mehr da, aber wie gesagt, man bekommt keine Vorstellung, wie das dann in Kleidung gegossen aussieht. Man kommt also am besten mit einer Grundvorstellung, welche Farbe, Muster, Dicke und Güte der Stoff haben sollte - und geht dann durch die Reihen, wo man dann die Auswahl unter mehreren Nuancen hat. Und natürlich die Freiheit hat, den Stoff auf einen beliebigen Schnitt schneidern zu lassen.

Halt, so isses dann doch nicht - nicht jeder Stoff eignet sich für jeden Schnitt. Dolzer hat sich ein System ausgedacht, wonach die sog. "Laschenfarbe" einen Hinweis gibt, wofür sich ein Stoff eignet. Jeder Bügel, an dem der quadratische Stofffetzen hängt, hat an der Oberseite ein Stück Pappe mit weitergehenden Informationen: das ist die "Lasche". Da gibt es weiss, grün, braun, schwarz, manche haben über einen Aufkleber eine Zweitfarbe. Die Farbzuordnung steht auf jeder Lasche nochmal unübersehbar als Hinweis drauf.

Ich wählte zwei rote Laschen - diese bezeichnen hochwertige Stoffe für Sacco/Anzug. Bei einer der beiden Stoffproben war noch ein Aufkleber drauf, der es auf "Sacco" beschränkte. Und da steht auch schon ein Preis drauf: 281euro "Sacco" beim einen und 291euro "Sacco" 432euro "Anzug" beim anderen. Also sehr eindeutig benannt, und es lässt vermuten, dass das der Endpreis ist - und wie sich später herausstellte: es ist tatsächlich der Komplettpreis. Da kommt nix dazu!

Die Bestellung

Nun denn, auf zur Bestellung. Das geschieht am Thresen - zuerst die Kundendaten aufnehmen. Dabei bemerkt man schon, wie es läuft: ein grosser Computerbildschirm steht quer, sodass Käufer und Verkäufer beide drauschauen, wie sie die Daten eintippt. Das geht dann auch für die Bestelldaten der Kleidung, die Laschen haben eine Nummer, die in ein Formular eingegeben werden, ebenso wie den Code für die Grundform der Kleidung.

Dann wird man noch nach zusätlichen Details gefragt. In meinem Falle waren vier Fragen. Zuerst, welche Grundform, wobei ich dann doch zur Zweiloch-Variante "Kiel" tendierte. Dann die Frage, ob die Manschette durchgeköpft sein (man kann die ärmelenden öffnen) oder nur aufgenäht. Normal heisst hier durchgeknöpft. Dann die Frage, ob ein, zwei, oder kein Schlitz hinten. Normal heisst hier ein Schlitz. Dann die Frage, über die Pattentaschen. Ich wählte einfache gerade Taschen. Und die Frage, welcher Knopf. Neben Plastik und Horn gibt es weitere, aber auch der Hornknopf ist im Preis schon inbegriffen - es gibt auch eine Sichttafel zur Auswahl, was aber einfach ist, weil es nur ein dutzend Formen gibt mit je vier/fünf Grössen, von klein bis gross.

Anschliessend geht es zum Masznehmen. Man muss einige Minuten warten, bis man aufgerufen wird, und in eine Art grosser Kabine gebeten wird, schon fast ein Nebenraum. Nach dem Abnehmen der Grundmasze bekommt man aus einem Schrank ein Standardsacco übergeholfen. An diesem wird dann weiter geprüft, und teils mit Stecknadeln absteckt - in meinem Fall nicht sehr einfach. Das grosse Standardsacco muss im oberen Bereich 2cm kürzer ausfallen, in der Taille insgesamt 12cm weniger Umfang, die ärmel um 2cm weiter geschnitten und der linke Arm um 1cm länger. Länge und Kragen passte.

Diese Prozedur dauert fast 10 Minuten. Dann geht es zurück zum Verkaufsthresen um die Bestellung abzuschliessen. Hier heisst es formal, dass man die Hälfte des Kaufpreises anzahlen soll. In meinem Fall waren es von 281euro Endpreis (der auch auf der Lasche schon draufstand!) ein Anzahlbetrag von 120euro. Und ja, EC-Karte geht, aber Geldhöhen von 70-120euro kann man durchaus auch mit dabei haben, ich find das nicht ungewöhnlich viel.

Auf dem Auftragsschein steht dann auch das Abholdatum drauf. In meine Fall dauert es lange, etwa sechs Wochen bis zum 20.04.2005, man behauptet, dass es häufig weniger lange dauert. An diesem Tag kommt dann das geschneiderte Sacco, und formal erstmal zur Anprobe. Dabei wird dann der tatsächliche Sitz geprüft, wahrscheinlich wieder von einer ausgebildeten Schneiderin, die auch schon die Masz abnahm. Wenn es passt, kann man es mitnehmen.

Ich selbst erwarte schon, dass sie noch was nacharbeiten werden. Mein Eindruck der Schneiderin (beim Masznehmen) ist jedoch so, dass sie mich unter keinen Umständen mit schlechtsitzenden Sachen hinausspazieren lässt. Allerdings, was sie da maszgenommen hat, und wie es mit dem ausgesuchten Stoff dann wirklich aussieht, dass weiss ich derzeit noch nicht. Soweit der gegenwärtige Stand.

Fazit

Zusammenfassend kann man ganz klar sagen - es lohnt sich, diesen Weg zu gehen. Auch für sehr hochwertige Stoffe (aus denen ich selbst ausgewählt hatte) zahlt man eben den Preis, den man auch im B5 Outlet Center für Stangenware zahlt - 150eur bis 300eur. Und dort ist es ja auch schon geringer als im Markenladen um die Ecke - aber im Gegensatz dazu, wird die Kleidung bei Dolzer auch wirklich passen.

Übrigens, just nachdem ich wieder zuhause war, fand sich in der Berliner Zeitung ein Artikel mit dem Titel "Nie wieder Umkleidekabine!". Darin wird auch auf "Dolzer.de" verwiesen, allerdings nur als Nachahmer von "Kuhn-Kleidung.de". Und im Artikel wird auf ein neues Konzept bei "Maile.de" verwiesen, mit dem man das Masznehmen auch selbst zu Hause machen kann. Obwohl ich selbst soweit dann doch nicht gehen würde.

Abschliessend, stelle ich nochmal den Kurzablauf zusammen, falls ihr euch entschliesst, selber mal hinzufahren.

  • B5-center.de
      Alter Spandauer Weg 1, 14641 Wustermark
      Verlängerung der Heerstrasse, 200m vor der Autobahn.
    Die Anfahrt zum B5-center ist relativ gut ausgeschildert, auf den Schildern oft aber nur dritter Eintrag. Im Zweifel "DEMEX" folgen. Und nicht mit den Spandau Center verwechseln, dass auf der verlängerten Heerstrasse einige Kilometer davorliegt. Im B5 Center nicht das erste Parkhaus nehmen, sondern der Aussenstrasse so lange folgen, bis es zwangsläufig (nach einer Kehre) in ein Parkhaus führt, und sofort dort sofort einen Parplatz suchen. Man ist dann am nächsten dran.
  • Dolzer.de
      Franklinstr. 12a, 10587 Berlin-Charlottenburg,
      Nähe Gotzkowskybrücke, nördlich TU Ernst-Reuter-Platz
    Ein alter Fabrikbau, Spreeseite (östlich), durch die Toreinfahrt zum Innenhof, gleich links und parken. Die grüne Tür neben der Toreinfahrt, und über Treppe und Fahrstuhl in den ersten Stock.
  • Stoff wählen, auf den Laschenkopf schauen - die grossen Fenster für Tageslicht nutzen. Der angegebene Preis auf den Stoffproben ist der Komplettpreis. Die Kleiderpuppen für Hinweis der Grundform nehmen, seitlich vom Thresen gibt es Sichttafeln, für Saccoformen, Hosenformen, Mantelformen, Knopfvarianten, Accesoires.
  • Am Thresen gemeinsam Bestellung aufgeben, zum Masznehmen nach hinten, dauert ein paar Minuten. Dann Anzahlung leisten, einige Wochen später zur Anprobe. Nach Korrektur, Restzahlung, fertig.
    P.S. Das Angebot umfasst nicht nur Männer-Saccos - von Mänteln über Frauen-Kostüme und Hemden/Blusen bis zu Schlafanzügen und Boxershorts kann man sich alles auf Masz schneidern lassen.